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Wenn Frauen trinken

Frauen reagieren verletzlicher gegenüber Alkohol und werden rascher abhängig. Sie geben sich selber die Schuld und verstecken ihre Sucht aus Scham. Eine Anleitung von Dr. Toni Berthel und Charlotte Kläusler-Senn für einen verantwortungsvollen Konsum.

Zusammen feiern

Alkohol ist das mit Abstand verbreitetste Genussmittel und fester Bestandteil unserer Kultur. Weil Männer insgesamt mehr und häufiger Alkohol konsumieren, sind die Frauen weniger im Blickfeld. Dennoch müssen sie ein paar spezielle Dinge beachten, wenn es um Alkohol geht.

Acht von zehn Frauen

Etwa acht von zehn Frauen trinken gelegentlich Alkohol. Den meisten gelingt es, ihren Konsum so zu gestalten, dass sie vor allem von den positiven Seiten des Alkohols profitieren – seiner anregenden, entspannenden und erheiternden Wirkung. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum in der Schweiz ist seit vielen Jahren rückläufig. Dennoch trinken nach wie vor viele Menschen viel und oft Alkohol – auch Frauen.

Nicht nur Männer betroffen

Alkoholkonsum war lange Zeit eine männliche Angelegenheit. Jedoch scheinen sich die Emanzipation der Frau und die Lockerung traditioneller Rollenbilder auch auf die Trinkgewohnheiten auszuwirken. Veränderungen im Trinkverhalten werden vor allem bei Mädchen und jungen Frauen festgestellt, die fast gleich häufig wie ihre männlichen Altersgenossen zum Glas greifen. Schlagzeilen wie «Frauen holen auf» oder «Mädchen trinken mehr» hängen aber auch damit zusammen, dass emanzipierte Frauen heute vermehrt in der Öffentlichkeit trinken, dies auch zugeben – dürfen – und ihr Konsum dadurch stärker ins Blickfeld der Gesellschaft gelangt.

Sicher ist: Frauen trinken heute auf selbstverständliche Art Alkohol, auch im Ausgang. Beim Rauschtrinken sind junge Frauen mit dabei. Diese Annäherung der Konsumgewohnheiten zwischen den Geschlechtern ist vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels gut nachvollziehbar. Trotzdem bleiben biologische Unterschiede, die Mädchen und Frauen für die Wirkungen des Alkohols sensibler und verletzlicher machen.

Alkohol beeinflusst Gehirnströme

Die Substanz, die allen alkoholischen Getränken zugrunde liegt, wird Ethylalkohol oder Ethanol genannt. Ethanol entsteht bei der Vergärung kohlenhydratreicher Früchte, Kartoffeln oder Getreide. Durch den Prozess der Destillation kann die Alkoholkonzentration erhöht werden. Alkohol entfaltet seine Hauptwirkungen im Gehirn. Einerseits beeinflusst Alkohol verschiedene Systeme der Informationsübertragung, anderseits kann die Zellwand verändert werden. Alkohol verfügt über angstlösende, beruhigende und schlafanstossende Wirkungen. Moderat konsumiert hat Alkohol eine stimmungsbessernde, entspannende und enthemmende Wirkung. Dagegen führt übermässiger Konsum zu Schäden im Gehirn, der Leber, der Nerven und der Magenschleimhaut. Kurz: Alkohol kann alle Organe schädigen.

Frauen werden schneller süchtig

Frauen vertragen weniger Alkohol als Männer. Für die unterschiedliche Verträglichkeit gibt es zwei Gründe: Einerseits kommt es auf die Enzyme an, die den Alkohol abbauen, anderseits auf das Volumen beziehungsweise die Körperflüssigkeit, auf die sich der Alkohol verteilen kann.

Studien bestätigen, dass Frauen rascher alkoholabhängig werden als Männer und somit auch früher körperliche und psychische Schäden entwickeln. Frauen haben aufgrund ihrer Konstitution mehr Körperfett und weniger Wasser. Darum führt die gleiche Alkoholmenge zu einer höheren Blutalkoholkonzentration. Mädchen und Frauen sind deshalb im Vergleich zu Jungen und Männern rascher betrunken und schneller abhängig. Auf der einen Seite treten rascher Schäden an inneren Organen wie Leber, Magen, Speiseröhre, Herz und dem Gehirn sowie den Nerven auf. Gleichzeitig steigt mit regelmässigem Konsum schon von geringen Mengen auch das Abhängigkeitsrisiko.

Faustregeln für Frauen

Ein paar wenige Faustregeln genügen, damit Sie die positiven Wirkungen von Alkohol unbeschwert geniessen können. Zur besseren Illustration wird die konsumierte Alkoholmenge in Standardgetränken angegeben. Unter einem Standardgetränk verstehen wir eine Stange mit 3 dl Bier, ein Glas mit 1 dl Wein oder ein Gläschen mit 2 cl Schnaps. In einem Standardgetränk sind jeweils circa 12 Gramm reiner Alkohol enthalten. Ärzte, Suchtfachleute und die Weltgesundheitsorganisation empfehlen bei Frauen nicht mehr als zwei bis drei Standardgetränke, bei Männern nicht mehr als drei bis vier Standardgetränke pro Tag.

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Grosse Herausforderung für den Körper

Wer regelmässig mehr als diese Menge konsumiert, kann seinem Körper und dem Gehirn schaden und/oder eine Sucht entwickeln. Daneben ist es für den Körper sehr herausfordernd, grosse Mengen Alkohol in kurzer Zeit zu bewältigen. Von Rauschtrinken sprechen wir, wenn mehr als vier Standardgetränke – bei Männern sind es fünf – in kurzer Zeit getrunken werden.

Wir unterscheiden zwischen risikoarmem, problematischem und abhängigem Konsum. Der problematische Konsum ist häufig. Es gibt drei Varianten.

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Risikofreudiger durch Alkoholkonsum

Beim problematischen Konsum gibt es verschiedene Alltagssituationen, in denen sich der Konsum von Alkohol nicht empfiehlt oder verboten ist – etwa beim Autofahren, während einer Schwangerschaft oder bei der Arbeit. Unter Alkoholeinfluss gehen Menschen mehr Risiken ein. Dazu gehören auch sexuelle Abenteuer, die man nüchtern nicht eingegangen wäre. Auch dies birgt Gefahren: Sexuell übertragbare Krankheiten, ungewollte Schwangerschaften, aber auch Übergriffe und Gewalt können negative Folgen sein.

Nicht selten gehen problematische Konsumformen in Abhängigkeit über. Der Verzicht auf Alkohol wird dann unmöglich. Eine Abhängigkeit ist eine ernst zu nehmende Krankheit. Sie kann aber durch Fachpersonen behandelt oder gelindert werden.

Weshalb Schwangere besser verzichten sollten

Ein wichtiges Thema ist Alkohol in der Schwangerschaft. Alkohol gelangt über die Plazenta direkt in den Blutkreislauf des werdenden Kindes. Da der Embryo oder Fötus den Alkohol nicht abbauen kann, bleibt er länger seiner schädigenden Wirkung ausgesetzt. Schon geringe Alkoholmengen können zu Schäden führen. Wir sehen dann Wachstums- und Entwicklungsstörungen beim Baby. Besonders die Entwicklung des zentralen Nervensystems kann stark beeinträchtigt werden, und es kommt zu körperlichen und neurologischen Schädigungen, unter denen das Kind zu leiden hat. Am besten verzichten Schwangere ganz auf Alkohol. Falls Sie trotzdem einmal trinken, sollte es an einem Tag nicht mehr als ein Standardgetränk sein. Vermeiden Sie Rauschtrinken. Es ist wichtig, dass der Partner und das soziale Umfeld die Schwangere in dieser Haltung unterstützen.

Häusliche Gewalt fördert Alkoholkonsum

Starker Alkoholkonsum verstärkt Aggressionen. Häuslicher Gewalt geht häufig Alkoholkonsum des einen oder beider Partner voraus. Frauen sind in ihren Partnerschaften, aber auch generell im Leben, häufiger Opfer von traumatisierender körperlicher und sexueller Gewalt. Viele, die Gewalt erlebt haben, konsumieren vermehrt Medikamente und Alkohol. Sie versuchen damit, den erlebten Schmerz zu betäuben, der oft mit Gefühlen von Ohnmacht und Ausgeliefertsein verbunden ist. Zusätzlich gehen solche Erlebnisse mit tiefen Schamgefühlen einher. Alkohol lindert auch diese Schamgefühle. Wenn der wiederholte Konsum von Alkohol zu einer Abhängigkeit führt, löst die Sucht oft eine zusätzliche Scham aus. So entsteht rasch ein Teufelskreis aus Ohnmacht, Schmerz, Betäubung und Scham.

Alkoholismus hat viele Gesichter

Rund 3,5 Prozent aller Männer und 2 Prozent aller Frauen sind alkoholabhängig. Obschon Alkohol in unserer Kultur ein akzeptiertes Genussmittel ist, werden Menschen, die in Abhängigkeit geraten, von ihrem sozialen Umfeld stigmatisiert. Süchtige gelten gemeinhin als willens- und charakterschwach. Die Forderung «sich zusammenzureissen» und mit dem Trinken «einfach aufzuhören» wird vom Familien- und Bekanntenkreis rasch gestellt. Gerade Frauen neigen dazu, diese negativen Zuschreibungen ungefiltert zu übernehmen, was zu erheblichen Schuld- und Schamgefühlen und zu einem negativen Selbstbild führen kann. Aus Angst, als Alkoholabhängige abgestempelt und verurteilt zu werden, verheimlichen viele ihr Problem. Sie trinken im Stillen, zu Hause, teils auch heimlich, was wiederum mit viel Scham und Einsamkeit verbunden ist. Frauen schreiben sich die Schuld an ihrer Sucht in der Regel selber zu. Diese negative Selbstbeurteilung ist falsch. Einer Abhängigkeit liegen oft viele Ursachen zugrunde, die nicht so einfach selbständig bewältigt werden können. Die Scham erhöht die Schwelle, professionelle Hilfe bei Beratungs- und Fachstellen zu suchen. Dabei sind Alkoholprobleme, ob sie nun erst seit einigen Jahren oder schon seit vielen Jahren bestehen, behandelbar.

Lassen Sie sich helfen

Weniger trinken kann man lernen. Trainingsprogramme für den kontrollierten Alkoholkonsum sind sehr erfolgreich. Und es gibt heute Medikamente, die den Menschen bei der Reduktion der Alkoholmenge helfen können. Wichtig ist, die Kontrolle über den Konsum wiederzugewinnen.

Die Alkoholberatung hat sich über die Jahre diesen Methoden gegenüber vollständig geöffnet. War früher Abstinenz das einzige Ziel, das in der Behandlung von Menschen mit Alkohol- und anderen Suchtproblemen angestrebt wurde, bestimmen die Klienten heute selber, welches Trinkmuster sie sich zum Ziel setzen. Für die einen ist weiterhin nur die Abstinenz ein gangbarer Weg, für andere sind Programme für den kontrollierten Konsum sinnvolle Alternativen zum Kontrollverlust. Für wieder andere ist eine medikamentenunterstützte Konsumreduktion der richtige Ansatz oder eine Kombination dieser Varianten.

Übernehmen Sie Verantwortung

Allen diesen Ansätzen ist der Grundsatz gemeinsam: Jeder Mensch ist für sein Leben selber verantwortlich. Das heisst auch: Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihren Alkoholkonsum. Wenn Sie das nicht alleine schaffen, suchen Sie Hilfe bei Alkohol- oder Suchtberatungsstellen, Ihrem Hausarzt oder anderen Fachleuten. Oft hilft schon ein einfaches Gespräch. Manchmal ist eine längerfristige Beratung angebracht. Seien Sie bereit, psychische, soziale und körperliche Probleme, die mit dem Alkoholkonsum einhergehen oder ihnen vorausgehen, anzuschauen und zu behandeln. Suchterkrankungen können mit einer Kombination von ärztlicher Hilfe, suchttherapeutischen Methoden und geeigneten Medikamenten erfolgreich behandelt werden. Trinken Sie weniger. Planen Sie alkoholfreie Tage in Ihr Leben ein. Wählen Sie Alltags-, Freizeit- und Sportaktivitäten, bei denen Alkohol nicht im Zentrum steht.

Tipps für den Ausgang

  • Trinken Sie zuerst ein alkoholfreies Getränk, trinken Sie nicht auf leeren Magen.
  • Trinken Sie gegen den Durst alkoholfreie Getränke.
  • Vermeiden Sie Sturztrinken.
  • Trinken Sie nicht durcheinander.
  • Meiden Sie gesüsste alkoholische Getränke.
  • Trinken Sie immer wieder mal ein alkoholfreies Getränk.
  • Falls Sie getrunken haben, lassen Sie Ihr Auto stehen.

Tipps für den Alltag

  • Versuchen Sie, den Alkohol als Genussmittel zu konsumieren. Nehmen Sie sich die Zeit fürs Geniessen, trinken Sie in kleinen Mengen. Wenn Sie trinken, dann trinken Sie bewusst. Sagen Sie nein, wenn Sie genug getrunken haben.
  • Planen Sie alkoholfreie Tage oder Wochen in Ihr Leben ein.
  • Achten Sie auf Ihre Gesundheit.
  • Fahren Sie nicht alkoholisiert Auto.
  • Achten Sie auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance.
  • Führen Sie ein Trinktragebuch.
  • Suchen Sie wenn nötig Unterstützung.
  • Wenn Sie schwanger sind oder es werden wollen, verzichten Sie auf Alkohol.

Tipps für Frauen mit ­problematischem Alkoholkonsum

  • Suchen Sie Hilfe in einer Beratungsstelle, bei Ihrem Hausarzt oder anderen Fachleuten.
  • Machen Sie in einer Selbsthilfegruppe mit. Der Austausch mit Frauen, die das gleiche Problem haben, ist hilfreich und Erfolg versprechend.
  • Falls Sie Ihren Alkoholkonsum reduzieren möchten, gehen Sie zu Ihrem Arzt. Er kann Sie mit neuartigen Medikamenten unterstützen.
  • Sind Sie das Opfer von Gewalt, Missbrauch oder befürchten Sie psychische Probleme, suchen Sie Unterstützung bei Fachleuten. Es gibt verschiedene Therapiemethoden, die hilfreich sind.
  • Alkohol lindert kurzzeitig den seelischen und körperlichen Schmerz. Aber regelmässiger Alkoholkonsum kann zu Sucht und vielen anderen Problemen führen.

 

Charlotte Kläusler-Senn, M.A., Fachpsychologin für Psychothera­pie FSP, Abteilungsleiterin Integrierte Suchthilfe Winterthur.

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Dr. med. Toni Berthel, Ärztlicher Co-Direktor Integrierte Psychia­trie Winterthur und Co-Leiter Integrier­te Suchthilfe Winterthur.