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Das Neuste über die Hormontherapie

Kaum ein anderes Thema verunsichert Frauen und sogar Ärzte so sehr wie die Hormontherapie in der Menopause. Martin Birkhäuser, Prof. emeritus für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin der Universität Bern, über die Lehren aus den letzten zehn Jahren.

Professor Martin Birkhäuser

Im letzten Dezember wurden neue Schweizer Empfehlungen für die Hormonersatztherapie nach der Menopause (MHT) veröffentlicht. Hier die wichtigsten zehn Grundregeln:

  1. Die klassische MHT bleibt die wirksamste Behandlung bei Beschwerden in den Wechseljahren wie Hitzewallungen, Schweissausbrüche, Schlafstörungen oder Trockenheit der Scheide. Oft reicht bereits eine niedrige Dosis.
  2. Wird die MHT individualisiert, überwiegt der Nutzen die Risiken. Bei frühem Beginn nach der Menopause gilt eine individualisierte MHT in mittlerer und niedriger Dosierung bei gesunden Frauen als sicher.
  3. Die MHT gehört zusammen mit gesunder Ernährung und ausreichender körperlicher Aktivität bei der Verhütung von Knochenbrüchen neuerdings zu den Methoden der ersten Wahl. Unter Östrogenen allein traten in der bisher weltweit grössten Studie zur MHT bis zum Ende der Behandlung 61 Knochenbrüche auf 10 000 Frauenjahre weniger auf als in der Placebo-Gruppe. Europäische Studien bestätigen dies.
  4. Es ist nicht notwendig, die Anwendungsdauer der MHT willkürlich zu beschränken. Auch das ist neu. Somit kann die Gabe eines Östrogens bei Bedarf auch nach dem 65. Lebensjahr weitergeführt werden, wenn die Indikation dazu besteht.
  5. Herzgefässerkrankungen und Herztod werden bei denjenigen Frauen gesenkt, die vor dem 60. Lebensjahr oder innerhalb der ersten 10 Jahre nach der Menopause mit einer Östrogen-Anwendung in mittlerer Dosierung beginnen. Man spricht hier vom günstigen Fenster. Auch die Gesamtsterblichkeit sinkt unter Östrogenen im Vergleich zu Placebo.
  6. Das Brustkrebsrisiko sinkt unter Östro­genen allein gemäss der bisher grössten Studie aus den USA. In zwei weiteren gros­sen Studien aus den USA resp. Dänemark findet sich kein Anstieg bei einer Dauer der Östrogen-Einnahme bis zu 15 resp. 16 Jahren. Unter der Kombination eines Östrogens mit einem Gelbkörperhormon sind die Resultate widersprüchlich und hängen vom verwendeten Gelbkörperhormon ab. In der USA-Studie fndet sich kein Risikoanstieg bis zu 5,6 Jahren, in der euopäischen Studie bis zu 16 Jahren. Werden alle Krebserkrankungen zusammengezählt, finden sich unter Östro­genen 18 Neuerkrankungen weniger auf 10 000 Frauenjahre.
  7. Venen­thrombosen oder Schlaganfälle sind bei der Gabe des Östrogens über die Haut in niedriger bis mittlerer Dosierung auch bei Frauen mit mässigen persönlichen Risiken nicht erhöht, bei der Einnahme in Tablettenform können sie ansteigen. Das Risiko für Venenthrombosen wird mit und ohne Hormone durch höheres Alter, Übergewicht, Immobilisierung und Gerinnungsstörungen gesteigert.
  8. Gelbkörperhormone beeinflussen die Nutzen-Risiko-Bilanz unterschiedlich und müssen vom Arzt oder der Ärztin für jede Frau gemäss deren Bedürfnissen ausgewählt werden.
  9. Bei vorzeitiger Menopause sollte eine MHT eingeleitet und zumindest bis zum mittleren Alter einer natürlichen Menopause fortgeführt werden.
  10. Die Notwendigkeit jeder MHT muss jährlich neu beurteilt werden.

Bioidentische Hormone

Das Schlagwort «bioidentisch ist besser» stammt vor allem aus den Vereinigten Staaten. Dort werden seit Jahrzehnten ohne Qualitätskontrolle bestimmte bioidentische Hormonpräparate empfohlen und verabreicht, die bei uns nicht auf dem Markt sind.

Bioidentische Hormone sind Wirkstoffe, welche mit den Hormonen, die der Körper selbst herstellt, von ihrer Struktur, ihrer Funktion, ihrer Wirksamkeit und ihrem Stoffwechsel her identisch sind. Gemeint sind im engeren Sinn meist männliche und weibliche Sexualhormone wie Östradiol, Progesteron, Dehydroepiandrosteron und Testosteron.

Wirksam und sicher

Nach dieser Definition sind zum Beispiel alle in unseren Apotheken erhältlichen verschreibungspflichtigen Tabletten, Pflaster und Gels, die Östradiol enthalten, bioidentisch. Sie werden meist halbsynthetisch auf pflanzlicher Basis (Soya, Yamswurzel) hergestellt. Diese bioidentischen Hormonpräparate sind wirksam und sicher und lassen sich von den körpereigenen Hormonen nicht unterscheiden. Sie wurden alle durch die Swissmedic, der Kontrollbehörde für Arzneimittel in der Schweiz, erst nach genauer Prüfung zugelassen.

Das gilt nicht für die über das Internet oder andere Kanäle, (zum Teil auch via bestimmte Apotheken) vertriebenen und an der Swissmedic vorbeigeschleusten verschiedenen sogenannten «natürlichen bioidentischen Hormone». Sie sind weder sicherer noch wirksamer als die von der Swissmedic zugelassenen verschreibungspflichtigen Präparate. Oft ist das genaue Gegenteil der Fall, da meist keine zuverlässigen Daten zur Qualität und zur Resorption (ob und wie ein solches Präparat überhaupt vom Magen-Darm-Trakt oder über die Haut aufgenommen wird) vorliegen. So eignet sich transdermal verabreichtes Progesteron nicht zum Schutz der Gebärmutterschleimhaut, da durch die Haut nicht genügend Wirkstoff aufgenommen werden kann.

Andererseits kann auch das bei uns zugelassene natürliche durch die Scheidenschleimhaut und über den Magendarmtrakt zuverlässig aufgenommene mikronisierte Progesteron typische Nebenwirkungen haben. Deshalb können bestimmte, genau ausgesuchte Progesteron-ähnliche synthetische Gestagene je nach Patientin im Einzelfall die bessere und sicherere Wahl sein.

Es ist auch falsch zu behaupten, dass bioidentische Hormone über die Speichelhormon-Diagnostik individuell besser dosierbar sind. Dazu existieren weder Referenzdaten noch besteht eine Korrelation mit den Konzentrationen des Hormons im Blut und am Ort, wo dieses Hormon wirken soll.

Über den Ladentisch gekaufte oder via Internet bezogene Hormonpräparate sind daher keine sichere und wirksame Alternative zu den verschreibungspflichtigen, von der Swissmedic zugelassenen bioidentischen Präparaten als Tabletten, Pflaster, Gels.