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Ein Todesurteil

Noch immer sterben weltweit jedes Jahr um die 60 000 Menschen an Tollwut. Prof. Reto Zanoni sagt, wo die grössten Gefahren lauern und wer sich impfen muss.

Tollwut_Reto Zanoni

Das höchste Risiko an Tollwut zu erkranken, besteht in den ärmsten Ländern der Welt. Dort werden am wenigsten Hunde geimpft – eine Strategie, mit der die meisten Industriestaaten die Krankheit eliminieren konnten. Mehr als 95 Prozent aller Tollwutfälle gehen auf Hundebisse zurück. Mit Abstand am meisten Menschen sterben in Indien an Tollwut, jedes Jahr gegen 20 000. Die Übertragung erfolgt meist durch den Biss streunender Hunde, die auch in Grossstädten anzutreffen sind.

Nach Indien hat China weltweit die zweithöchste Tollwutinzidenz. Jährlich kommt es zu circa 40 Millionen Bissen durch tollwutverdächtige Tiere und zu über 2000 Todesfällen. Auch auf der Urlaubsinsel Bali gibt es immer wieder Tollwutfälle bei Menschen. Wildtiertollwut kommt überall in Russland vor, wird aber auch auf Haustiere, streunende Hunde und Katzen übertragen. Jährlich sterben in Russland durchschnittlich sechs Menschen an Tollwut. Auch in allen afrikanischen Ländern tritt Tollwut insbesondere bei Hunden, aber auch bei Wildtieren auf. Dasselbe gilt für einen Teil der südamerikanischen Länder.

Prophylaktische Impfung

Jeder Tourist, der in ein Land reist, in dem Tollwut vorkommt, muss sich eingehend über das Risiko einer Tollwutinfektion informieren und sich, wenn erforderlich, prophylaktisch impfen lassen. Die Hälfte der Tierbisse ereignet sich innerhalb der ersten vier Wochen. Das Tollwutrisiko besteht also nicht nur bei Langzeitaufenthalten, sondern auch bei Kurzreisen. Neben Tollwutrisiko, Reisedauer und Reisestil sollte auch die Verfügbarkeit von Immunglobulinen und aktivem Impfstoff im Reiseland berücksichtigt werden. Die Indikation für eine prophylaktische Tollwutimpfung ist wegen des Impfstoffmangels besonders bei Reisen in ländliche Regionen und bei Rucksacktouristen sehr wichtig. Auskunft über das jeweilige Risiko geben die reisemedizinischen Zentren.

Wird man von einem tollwutverdächtigen Tier gebissen, muss man die Bisswunde umgehend 15 Minuten lang mit Wasser und Seife gründlich auswaschen und danach mit einem alkohol- oder jodhaltigen Mittel desinfizieren und anschliessend zum Arzt. Das gilt auch für Menschen, die sich prophylaktisch geimpft haben. Der Ablauf der Impfbehandlung ist dann jedoch viel einfacher. Gefährlich sind nicht nur Bisse von Hunden oder Katzen. Auch wer beispielsweise in Thailand von einem Äffchen blutig gekratzt wurde, muss zum Doktor. Und so unwahrscheinlich es ist, in der Schweiz von einer Fledermaus gebissen zu werden: Der Gang zum Arzt ist in solch einem Fall ebenfalls ein absolutes Muss. Eine verletzte Fledermaus deshalb nur mit grösster Vorsicht und nur mit bissfesten Handschuhen anfassen.

Die Schweiz ist seit 1999 tollwutfrei, abgesehen von vereinzelt befallenen Fledermäusen. Ein Problem ist jedoch nach wie vor die illegale Einfuhr von Hunden aus Tollwutrisikoländern, zu denen auch einige Länder Osteuropas zählen. Dort werden diese oft nicht geimpft, sodass es nicht ausgeschlossen ist, dass Tollwut aus einem Risikoland in die Schweiz eingeschleppt wird. Das Veterinäramt wird das Tier bei der Entdeckung beschlagnahmen und auf Kosten des Tierhalters in das Herkunftsland zurückführen oder euthanasieren. Zudem wird ein Strafverfahren eingeleitet.

Vorsicht bei Auslandreisen

Tollwut ist eine tödliche Erkrankung. Hat das Virus einmal die Nervenzellen erreicht, kann man nichts mehr tun. Besonders bei Auslandsreisen muss man aufpassen. Auch die niedlichsten kleinen Hunde können infiziert sein. Hunde beissen sofort bei Berührung oder auch bei Geräuschen. Aber nicht nur Hunde können Tollwut übertragen, auch Katzen, Füchse, Fledermäuse, Affen, Stinktiere oder Waschbären.

Tollwutinfektionen müssen sich nicht sofort bemerkbar machen. Symptome können oft erst Wochen oder sogar Monate später auftreten, wenn der Biss bereits in Vergessenheit geraten ist. Die ersten Symptome sind eher unspezifisch wie Übelkeit, Fieber, Lethargie, Depression und Angstzustände. An der Bissstelle können Schmerzen, Pa­rästhesien wie Kribbeln oder auch Nervenschmerzen auftreten. Innerhalb von circa einer Woche beginnen die neurologischen Symptome wie Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen. Ein typisches Symptom, das aber nicht immer vorkommt, ist die Wasserscheu, die mit Krämpfen und Kieferstarre einhergeht.

Diese Symptome nehmen weiter zu, und es kommt zu anormalem Verhalten, Halluzinationen und Schlaflosigkeit. Die Lähmung bestimmter Hirnnerven führt zur Rachenlähmung, verbunden mit der Unfähigkeit zu sprechen und zu schlucken. Die infizierten Patienten fallen innerhalb von rund einer Woche ins Koma. Als Folge treten Herz- und Kreislauf-Versagen auf.