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Fast ein neuer Mensch

Zunehmende körperliche Schwäche einfach dem Alter zuzuschreiben, kann verheerende Folgen haben. Denn unter Umständen verbirgt sich dahinter ein Vorhofflimmern.

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Vorhofflimmern kann richtig gemein sein. Weil es häufig kaum oder gar keine Symptome macht, von vielen Betroffenen deshalb gar nicht bemerkt wird und dennoch lebensgefährlich ist. «Man vermutet, dass Vorhofflimmern für rund die Hälfte aller Schlaganfälle verantwortlich ist», sagt Dr. Martin Rotter von der Kardiologischen Gemeinschaftspraxis in Bern, einem der führenden elektrophysiologischen Zentren der Schweiz.

Auch Hans Tschannen aus Murzelen hat nichts von seiner gefährlichen Rhythmusstörung gewusst. Es war ein Zufallsbefund bei einer Routinekontrolle. Erst im Nachhinein kommt dem 70-jährigen Landwirt in den Sinn, dass er beim Bergaufgehen oder bei strengen Arbeiten auf seinem Hof schnell ausser Atem kam und körperlich nicht mehr so mochte wie in früheren Jahren. Doch er schrieb das dem Alter zu.

Dem Vorhofflimmern versuchte man erst mit antiarrhythmisch wirksamen Medikamenten und später auch mit einer Elektrokonversion zu Leibe zu rücken. Die Wirkung war nur vorübergehend. Schon nach einem halben Jahr kam das Vorhofflimmern zurück. Hans Tschannen fühlte sich schwächer als je zuvor. «Ich war kaum noch leistungsfähig und hatte bei den kleinsten Anstrengungen Atemnot.»

Symptome können dank Ablation nahezu eliminiert werden

Jetzt kam nur noch eine Ablation im Herzkatheterlabor in Frage. Ein Eingriff, bei dem die Eintrittsstellen der vier Lungenvenen vom Gewebe der linken Vorkammer elektrisch isoliert werden. Hier entstehen die elektrischen Impulse, die das Herz beim Vorhofflimmern aus dem Takt bringen. «Während ein Patient bis vor kurzem seiner Krankheit noch ausgeliefert war, lassen sich heute dank der Ablation bei guter Indikationsstellung die Symptome nahezu eliminieren», erklärt Dr. Rotter. «Nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen lässt sich durch den Eingriff oft dramatisch verbessern, sondern auch eine begleitende Herzschwäche, weil das Herz mit einem normalen Rhythmus viel ökonomischer arbeitet.»

Auch Hans Tschannen spürte die Wirkung des rund 90-minütigen Eingriffs sofort. «Von einem Tag auf den anderen war ich fast ein neuer Mensch. Die Atemnot ist weg. Ich mag wieder besser als je zuvor. Und vorher dachte ich, das Alter sei schuld.» Die Medikamente konnte er absetzen. Nur noch ein blutverdünnendes Medikament hat er, um in Sachen Hirnschlagrisiko auf Nummer sicher zu gehen. Dr. Rotter: «Wir müssen längst nicht jedes Vorhofflimmern mit einer Ablation behandeln, sondern vor allem dann, wenn jemand trotz Medikamenten immer noch ernste Beschwerden hat. Am besten sind die Erfolgsraten im Anfangsstadium von Vorhofflimmern. Je früher wir in den Krankheitsprozess eingreifen, desto besser ist die Erfolgsrate der Ablation. Deshalb gehen wir mehr und mehr dazu über, diesen Eingriff schon als erste Behandlungsoption vorzuschlagen.»

Eingriff dauert nur noch 1 bis 2 Stunden

Der Berner Kardiologe erinnert sich noch gut, als er für einen einzigen Eingriff im Herzkatheterlabor mehrere Stunden brauchte. «Der technische Fortschritt der letzten Jahre ist enorm, auf dem Gebiet der Bildgebung und bei den Kathetern. Heute benötigen wir je nach Schweregrad nur noch eine bis zwei Stunden. Auch für die Patienten hat das riesige Vorteile, zumal die Strahlenbelastung inzwischen schon fast bei null liegt. Auch die Rückfallquote ist stark gesunken, da wir heute viel zuverlässiger mit dem Katheter veröden können.»

Vorhofflimmern wird immer häufiger, weil die Menschen immer älter und immer mehr Menschen alt oder sehr alt werden. Das Alter als Risikofaktor lässt sich nicht beeinflussen. Zwei andere Risiken, Übergewicht und Bluthochdruck, dagegen schon. Beide können über kurz oder lang zu Vorhofflimmern führen. Vorhofflimmern wächst sich nicht aus oder verschwindet eines Tages wieder von selbst. Im Gegenteil. Es wird immer schlimmer, weil die Vernarbungen im Herzen zunehmen. Deshalb sollte man es so früh wie möglich diagnostizieren. Aber genau hier liegt das Problem, weil am Anfang das Vorhofflimmern kommt und geht, auch wenn das Schlaganfallrisiko bereits massiv erhöht ist. Selbst ein Patient mit Symptomen wie Herzrasen oder Herzstolpern bemerkt in der Regel weniger als die Hälfte seiner Episoden. Deshalb gibt es nur eines: Regelmässige Blutdruckmessung zu Hause mit einem geprüften Gerät, das Alarm schlägt, wenn etwas mit dem Herzrhythmus nicht stimmt. Denn Früherkennung bewahrt vor Schlaganfällen und rettet Leben.

Mehr Informationen

Auf der Webseite der Schweizerischen Herzrhythmus Stiftung finden Sie Antworten auf Fragen rund um das Thema Vorhofflimmern, Blutverdünnung und Katheterablation sowie eine Kalkulation Ihres Thrombose- und Embolie-Risikos.

www.shrs.ch