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Ich war klinisch tot

Wie fühlt man sich, wenn man wiederbelebt wird und ein zweites Leben geschenkt bekommt? Neu geboren? Nachdenklich? Demütig? „Zuerst einfach einmal erstaunt – alles andere kommt später – sehr viel später“, sagt Jochen Gnädinger, 57, Inhaber einer Consulting Agentur.

Foto: Joseph Khakshouri 10.08.2017
Jochen Gnädiger in der Nähe der Strasse wo er Tot aufgefunden wurde
Luzern (LU)

Eine Ärztefamilie fand auf einer Waldstrasse Ende Oktober 2014 bei einbrechender Dunkelheit einen klinisch toten Rennvelofahrer. Tot, doch warm – das war seine Rettung. Prof. Dr. Agostino Mattei, Chefarzt-Urologe des Luzerner Kantonsspitals und langjähriger REGA-Arzt, mit seiner Frau Bastienne, selbst Gynäkologin, entschieden, diesem toten, doch warmen Körper eine Chance zu geben und kämpften über 45 Minuten lang um einen ihnen absolut unbekannten Menschen, von dem sie nicht wussten, wie lange er bereits auf der Strasse lag.

Zehn Tage später folgte die zweite Rettung. Jochen Gnädinger erwachte auf der Intensivstation des Luzerner Kantonsspitals aus dem künstlichen Koma, „erstaunt und irgendwie desorientiert – auf der Suche nach der Geschichte der vergangenen Tage, von der ich rein gar nichts mitbekommen habe“, wie er sagt. „Es dauerte Tage bis Wochen, bis ich die Zusammenhänge verstanden habe. Verstanden habe, dass PD Dr. med. Florim Cuculi und sein Kardiologenteam mir auf dem OP eine Überlebenschance von wenigen Prozenten gegeben haben – und trotzdem ihr ganzes Wissen und Können in einen auch ihnen unbekannten Menschen investierten. Mein Hausarzt und Freund Dr. med. Didi Schmidle, der in diesen schweren Stunden an der Seite meiner Familie stand, erklärte mir später, dass weitere Rettungen auf der Intensivstation des LUKS geschehen sind, auch da wurden mehrere Wunder vollbracht. Didi belehrte mich Monate später, dass ich wohl symbolisch «mehrere Flugzeugabstürze hintereinander überlebt habe». Überlebt dank Menschen die in den wichtigen Sekunden und Minuten beherzt und uneigennützig alles gegeben haben, was sie geben konnten – dank ihnen allen habe ich ein neues Leben geschenkt bekommen.“

Fortschritt gab mir Mut, weiterzumachen

Doch was macht man mit dem zweiten Leben, nach dem bereits das erste über viele spannende Stationen wie einem gesunden Elternhaus, reichhaltiger Jugendzeit, Doppelstudium, Familie mit zwei zwischenzeitlich erwachsenen Kindern in eigenem Haus, 43 beruflich und privat bereiste Länder, viele Freunde und Freundschaften geführt hat, fragt Jochen Gnädinger. „Erst einmal verstehen, dass all das, was ich ab jetzt erlebe, wie eine Zugabe ist. Doch zuerst einmal war das Leben wieder da. Neurotests und Reha-Programm bestimmten meinen Alltag in den ersten Wochen und Monaten. Ein geistiges und körperliches Zurückkämpfen in mein altes Leben war das erste Ziel. Jeder noch so kleine Fortschritt gab mir Mut, weiterzumachen, mir persönlich zu zeigen, dass ich es noch kann. Dass ich nochmals will.“

Wenige Monate später wurden auch wieder gesellschaftliche Verpflichtungen wahrgenommen, das Netzwerk gepflegt und alles «positiv angesehen und dargestellt». Positiv dargestellt, bis sein Freund und Hausarzt Dr. Didi Schmidle auf die Bremse trat, ihn unermüdlich zur Vernunft brachte und ihm damit die Gelegenheit gab, aus dem innerlich verankerten Hamsterrad auszusteigen. Sich Zeit zu nehmen, all das zu verarbeiten, was zum Ereignis vom 26. Oktober führte und zu erkennen, dass er erst einmal gesundwerden musste, nachhaltig gesund, in der inneren und äusseren Einstellung zum Leben und seinen echten und wesentlichen Werten. „Es benötigte unglaubliche 6 bis 10 Monate, bis ich endlich so weit war, los zu lassen. Bereit war, nicht nur mit mir, sondern auch an mir zu arbeiten.“

Ich lebe heute viel mehr im Jetzt

Und heute? Es sei noch lange nicht perfekt, werde es wohl auch nie werden. Es sei nicht einfach, nach dieser längeren Pause als Selbstständiger wieder Fuss zu fassen. Ohne die Hilfe von alten Freunden eher unmöglich, doch dank diesen sei er auf dem Weg, aus dem neuen Leben etwas Vernünftiges – gar etwas Vernünftigeres zu gestalten. „Heute wandere ich wieder stundenlang in den Felsen unserer Berge herum – ohne nur eine Sekunde an mein Herz zu denken – es ist bestens repariert und hat sich sehr gut erholt. Ich lebe heute viel mehr im JETZT und geniesse meine Erlebnisse und Erfahrungen bewusster. Nehme mir Zeit, manchmal viel Zeit, für Dinge, die mir heute wichtig oder wichtiger sind. Vor allem Zeit für Menschen, Zeit für die Kultur, die Natur mit ihrer unendlichen Reichhaltigkeit und Energie, den Sport.“
Er glaube, dass sich seine Beratungstätigkeit im unternehmerischen Bereich verfeinert habe. Sie habe immer eine menschliche/humanistische Komponente gehabt, doch diese gewichte er heute noch stärker und vor allem gezielter. „Dies im Bewusstsein, dass für uns alle ein lebenswertes und reichhaltiges Leben weniger mit materiellen oder ideologischen Werten zu tun hat. Ich bin am Begreifen, dass das Leben aus einer Sammlung von Erlebnissen und Erfahrungen besteht und dass der Umgang und die Einstellung zu diesen Erlebnissen und Erfahrungen entscheiden, wie glücklich man ist und wie sinnvoll das eigene Leben wahrgenommen wird. Dass Menschen, von denen man Liebe empfängt und denen man Liebe geben darf, wohl das Wichtigste ist. Und dass man so vieles im Leben mit Hingabe und Liebe zu sich selbst machen darf und soll – oder aus denselben Gründen einfach sein lässt.“

Bescheiden und demütig

Er sei gespannt, wohin ihn das neue Leben führe. Manchmal habe er Angst davor – wohlweislich, dass Angst kein guter Ratgeber sei. „Doch im Wissen, dass jeder Tag, jede Begegnung, jedes Erlebnis und jede neue Erfahrung, sei sie noch so unwichtig, ein Geschenk, eine Zugabe in meinem Leben sind, wird man irgendwie bescheiden und auf eine Art und Weise demütig. Demütig und dankbar vor allem im Gedanken an die Menschen, die für mich da waren, als mein Leben am seidenen Faden hing. Ohne sie wären diese Geschichte und diese Gedanken nie zu Papier gebracht worden. Und ohne die Freunde, die heute für mich da sind, würde es keine Fortsetzung geben.“

Dr. med. Florim Cuculi Funktion Leitender Arzt Abteilung Kardiologie

Dr. med. Florim Cuculi
Funktion Leitender Arzt
Abteilung Kardiologie

 

Wir könnten viel mehr Menschen retten

PD Dr. Florim Cuculi, Leitender Arzt Kardiologie am Herzzentrum Luzern, Luzerner Kantonsspital, über den plötzlichen Herztod und Reanimation.

In der Schweiz starben laut Bundesamt für Statistik im Jahr 2014 rund 21’000 Menschen an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Es ist davon auszugehen, dass etwa die Hälfte davon einen plötzlichen Herztod erlitten hat. Von plötzlichem Herztod spricht man, wenn es infolge einer Herzerkrankung zu einem abrupten Bewusstseinsverlust kommt und dies innerhalb einer Stunde zum Tod führt. Manchmal haben die Betroffenen eine bereits diagnostizierte Herzerkrankung. Häufig kommt der plötzliche Herztod aber völlig unerwartet bei bisher vermeintlich herzgesunden Personen.

Hohe Überlebenschancen mit Herz-Massage und Defibrillator

Ist bei einem solchen Ereignis niemand zur Stelle, ist der Betroffene innerhalb von wenigen Minuten verloren. Wenn hingegen jemand sofort eine Herz-Massage macht und einen Defibrillator verwendet, sind die Überlebenschancen relativ hoch. Das kritische Organ ist das Gehirn, das bereits nach wenigen Minuten ohne Durchblutung irreparable Schäden erleidet. Statistisch gesehen erreicht man mit einer optimalen Reanimation bei circa 50 Prozent der Patienten ein neurologisch gutes Resultat. Je nach Grunderkrankung und je nachdem, wie stark anderen Organe in Mitleidenschaft gezogen werden, können die Patienten jedoch auch nach optimaler Reanimation an Multiorganversagen sterben.

Reanimieren üben

Wir müssen mehr Menschen in Herzmassage schulen. Auch muss der Umgang mit automatischen Defibrillatoren immer wieder geübt werden, damit man in Stresssituationen richtig reagiert. Ich musste einen Patienten behandeln, der als Coiffeur in seinem Salon vor den Augen von sechs Männern zusammengebrochen ist. Keiner hat ihn reanimiert. Das Herz konnten wir retten, aber das Hirn war irreparabel geschädigt, und er ist gestorben. An diesen Menschen denke ich immer wieder. Nur wenn alle sich Mühe geben und das Reanimieren üben, können wir mehr Menschenleben retten.