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Leben mit einem Schlaganfall

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Besser kommunizieren Teil 12. Prof. Jürgen Steiner von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich gibt Tipps für das Leben und das Gespräch nach einem Schlaganfall.

 

 

 

  • Gespräch zu zweit und Kontakte für jeweils einen. Eine Partnerschaft lebt vom Dialog. Zwischen dem gelingenden Gespräch und dem Wohlfühlen mit sich selbst und in einer Beziehung gibt es Parallelen. Bleiben Sie im zusammen im Gespräch. Und suchen Sie gleichzeitig Kontakte im Aussen, die Sie jeweils alleine pflegen: Mitbetroffene bauen Freundschaften aus, Betroffene suchen Gleichgesinnte, in sozialen Netzwerken oder über Selbsthilfegruppen.
  • Leid ist immer individuelles Leid. Das Leid von Menschen, die nicht oder nicht mehr im „Automatikgang“ essen, sprechen, lesen, schreiben, arbeiten und gehen können, macht uns betroffenen und erzeugt Mitleid. Es gibt aber auch Menschen nach einem Schlaganfall, die unauffällig erscheinen, die alle Dinge des Alltags regulär machen können. Wenn jemand mit diesem Hintergrund einen Beruf ausübt, der sehr hohe Anforderungen hatte, kann er diesen eben doch nicht mehr oder nur mit einem enormen Mehr an Energie ausführen. Auch hier sollten wir Mitleid und Verständnis zeigen.
  • Verändertes Leben. Selbst wenn Sie gut rehabilitiert sind und sogar in den Beruf zurückkehren, bleibt dennoch meist etwas zurück. Es ist zum einen die Angst vor einem weiteren Schlaganfall. Zum anderen ist das Arbeitstempo meist verlangsamt, Konferenzsituationen und Multitasking fallen schwer. Teils bleibt auch die Sorge, den Aufgaben und dem Leben nicht zu genügen.
  • Der Schock. Wenn Sie einen Schlaganfall erleiden, ist das ein Schock. Es ist ein Absturz. Die klassischen Stationen der Krankheitsverarbeitung beginnen mit Depression und Trauer und fast gleichzeitig ein Nicht-Wahrhaben-Wollen und auch Wut. „Warum gerade ich?“ – diese sinnlose Frage stellt man sich dann immer wieder. Erst nach dieser ersten Phase der Krankheitsverarbeitung ist man handlungsfähig. Die Therapie setzt heute aber dennoch sofort ein. Sofort heisst nach dem Sichern der lebenserhaltenden Funktionen.
  • Wie ein Blitz. Ein Schlaganfall kann das Leben komplett verändern. Er kann unsere Sprech- und Sprachfähigkeit drastisch reduzieren, teils sogar fast löschen. Er kann verhindern, dass wir unbeschwert essen. Er schränkt unsere Bewegungsfähigkeit ein, versagt uns die Fähigkeit, Auto zu fahren, und katapultiert uns aus dem Beruf. Ein Schlag kann uns als „Blitz aus dem Himmel“ treffen – und zwar zum Beispiel dann, wenn ein brüchiges Gefäss, das das Gehirn mit Blut und Sauerstoff versorgt, unerkannt bleibt und in der Folge reisst. Eine andere Ursache ist ein Unfall mit einer Kopfverletzung. Das kann uns auch in jungen Jahren passieren.
  • Risiken begegnen. Wir können allerdings auch gut auf uns aufpassen. Unseren Gefässen tut gut, wenn wir uns bewegen. Bewegung kann sogar moderates Rauchen kompensieren. Bringen Sie ihren Puls auf 100. Dafür ist Walking in der schönen Natur bei jedem Wetter ideal. Oder Sie schwimmen. Dem Stress setzen Sie Entspannung entgegen. Ritualisieren Sie diese. Auch Gespräch und Sex sind sehr schöne Entspannungsformen. Prüfen Sie Ihren Blutdruck und nehmen Sie brav blutdrucksenkende Medikamente ein. Alkohol, bis auf das üblicherweise empfohlene eine Glas Rotwein, wenn es dabei bleibt, ist eine ungünstige Form. Tragen Sie einen Helm beim Fahrradfahren.
  • Langer Atem. Das Verlassen der Abhängigkeit von einer Magensonde, das Zurückgewinnen der Fähigkeit zu gehen, die Kompensation der Fähigkeit, die Worte zu finden und zu sprechen, und die Sondierung verbliebener beruflicher Möglichkeiten sind oft ein langer Weg. Profis begleiten Sie hier. Behalten Sie im Gedächtnis, dass sich Verbesserungen in der Regel im ersten Jahr zeigen – in Ihrem Einzelfall können sich aber auch Verbesserungen noch nach weiteren langen Jahren ergeben. Kämpfen Sie dafür, dass Sie immer wieder Therapien mit einer vernünftigen Intensität und danach einer Pause bekommen.
  • Krankheit als Chance und Weg. Krankheit als Chance ist ein sehr guter Gedanke. Allerdings kommt es sehr auf den Zeitpunkt an, wann man diesen Gedanken anbietet. In einer frühen Phase kann der Hinweis auf die Chance sehr zynisch sein, wenn aber viel Zeit vergangen ist, trifft er vielleicht: Wir haben die Chance, unser Leben anzusehen, um auf uns, auf Menschen und Dinge, die wir lieben, zu achten und den Augenblick zu würdigen.
  • Einbezug und Selbstaktivität. Eine Therapie sollte nicht nur etwas bewirken über die Aktionen, die im Therapieraum passieren. Eine gute Therapeutin bezieht auch die Mitbetroffenen in die Therapie ein: Wie können wir als Sprachgesunde uns beispielsweise so anpassen, dass Sprachschwierigkeiten und Missverständnisse nicht zum Abbruch des Gesprächs führen? Und sie sorgt für ein Arbeitsprogramm des Patienten: Nur eine Therapie, die sicherstellt, dass der Patient weiss, was er selbst konkret alleine üben bzw. welche konkreten Hilfen er anwenden kann, um das erschwerte Zurechtfinden im Alltag zu kompensieren, ist eine gute Therapie.
  • Das gelingende Gespräch. Missverständnisse sind der Normalfall in Gesprächen. Dazu braucht es keine Schädigung des Gehirns. Wiederholen Sie einfach, was Sie verstanden haben, fragen Sie nach. Und wenn sich ein Missverständnis nicht auflöst, vertagen Sie das Gespräch auf später. Beim Thema bleiben, Gehörtes zusammenfassen und ungeteilte Aufmerksamkeit schaffen eine sichere Basis.
  • Kampf und Hingabe. Wir nehmen den Kampf auf. Wir ergeben uns in unserem Schicksal. Diese beiden konträren Positionen in eine Balance zu bringen, ist ein Fall für absolute Profis. Wenn Sie an diesem Ziel mit Energie einerseits und Musse andererseits arbeiten, haben Sie meinen vollen Respekt.

Beratungsstelle: Die Interkantonale Hochschule unterhält eine Beratungsstelle für Aphasiebetroffene.

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Prof. Dr. habil. Jürgen Steiner HfH MitarbeiterInnen 2013

www.hfh.ch