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Magnetstimulation gegen Depressionen, Angst und Schmerzen

Neue Hoffnung für Menschen mit schwer behandelbaren Depressionen, Schizophrenie, Tinnitus, Angsterkrankungen und Schmerzen. Die repetitive transkranielle Magnetstimulation rTMS ist eine relativ neue, gut wirksame und dennoch nebenwirkungsarme Therapie.

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Das Krankheitsbild der Depression ist weit verbreitet. Die Therapie ist anspruchsvoll. Obwohl Antidepressiva gut wirksam sind, sind sie häufig mit einer Reihe von Problemen belastet. Viele Patienten haben Nebenwirkungen. Etwa ein Drittel der medikamentös behandelten Patienten spricht nicht auf Antidepressiva an, etwa 60 Prozent der auf die Medikation ansprechenden Patienten zeigen eine nur unvollständige Besserung und etwa 10 Prozent aller Patienten bleiben trotz Medikation dauerhaft depressiv.

Nebenwirkungsarm, wirksam und sicher

Der Bedarf an neuen, wirkungsvollen Behandlungsmöglichkeiten bei Depressionen ist also gross. Eine sehr verheissungsvolle Methode ist rTMS, die repetitive, das heisst wiederholte magnetische Stimulation, bei der über eine Magnetspule kontaktlos und ohne Schmerzen über dem Schädel magnetische Impulse ins Gehirn abgegeben werden. Die neue Methode wird inzwischen in vielen Ländern zur Behandlung von Depressionen empfohlen und von den Krankenkassen erstattet, und zwar bei Patienten, welche nur ungenügend auf andere Therapien wie Medikamente oder Lichttherapie ansprechen. Sie gilt als nebenwirkungsarm, wirksam und sicher. Die Wirksamkeit der rTMS wurde in vielen großen internationalen wissenschaftlichen Studien insbesondere in den USA und Deutschland in den letzten Jahren belegt. Das Verfahren ist sogenannt evidenzbasiert.

Gute Wirkungen zeigten sich auch bei der Schizophrenie, unter anderem bei der Behandlung von Halluzinationen. Aber auch bei Tinnitus konnten überzeugende Ergebnisse erzielt werden. Als wirksam erwies sich die rTMS zum Teil auch bei neuropathischen Schmerzen, Fibromyalgie, Angst- und Zwangserkrankungen und bei schweren Formen von Migräne und Spannungskopfschmerz, obwohl hier der Effekt noch nicht gut belegt ist. Auch Schlafstörungen, die bei Depressionen häufig auftreten, lassen sich deutlich bessern. Durch die Magnetstimulation können bisher eingenommenen Medikamente oft reduziert oder eventuell ganz abgesetzt werden. Auch Menschen, die keine Arzneimittel nehmen möchten oder können, haben mit der rTMS eine gute Alternative für eine Therapie.

Je nachdem, welche Symptome angegangen werden sollen, sind unterschiedlich viele Behandlungen über mehrere Wochen nötig. Auch die Dauer der einzelnen Sitzung hängt vom Einzelfall ab. Sie beträgt zwischen einer Viertel- und einer halben Stunde. Bei einem Wiederauftreten der Symptome können weitere Behandlungszyklen gemacht werden.

Prof. Dr. med. Thomas Dierks, Ärztlicher Direktor und Direktor Lehre und Forschung, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern (UPD), im Interview:

Wie muss man sich die Wirkung der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation vorstellen?

Abhängig von der Art der Stimulation führt das Magnetfeld entweder zur Bahnung oder zur Hemmung der Entladung von Nervenzellen im Gehirn und somit zur eine Aktivierung oder Hemmung von Hirnfunktionen. Weil das Behandlungsareal relativ klein ist, nämlich etwa fünflibergross, muss man genau wissen, bei welchen Störungen welche Gebiete im Gehirn beteiligt sind.

Dann behandelt man einen Tinnitus anders als eine Depression?

Auf jeden Fall. Es kommt ganz darauf an, welche Gebiete und Bahnen im Gehirn von der Störung betroffen sind. Bei der Depression geht man von einem gestörten Gleichgewicht zwischen linken und rechten Vorderhin aus, während bei Tinnitus eher die Hörgebiete im Schläfenbereich betroffen sind. Wenn man nicht weiss, wo man stimulieren muss, kann die Behandlung keinen Effekt haben. Langfristig ist das Ziel, bei jedem Patienten herauszufinden, welche Gebiete gestört sind, damit man zielgerichtet vorgehen kann.

Wie weiss man oder wie findet man das heraus?

Das macht man mit speziellen bildgegebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomografie und der Positronen-Emissions-Tomografie. Auf jeden Fall gehört die Behandlung in die Hand eines Psychiaters mit einer fundierten Ausbildung in rTMS. Die Methode kann nicht jedermann einfach so machen.

Bei welchen Erkrankungen sieht man die besten Resultate?

Eine besonders gute Wirkung wurde bisher unter anderem bei Depressionen, Schizophrenie, akustischen Halluzinationen und bei Tinnitus beschrieben, wobei man erwarten kann, dass mit zunehmenden Kenntnissen über die Zielgebiete die Wirksamkeit und die Indikationen verbessert beziehungsweise erweitert werden können.

Welche Erfahrungen mit der rTMS haben Sie persönlich?

Meine Erfahrungen sind durchwegs gut. Es gibt keine bis sehr wenig Nebenwirkungen. Bei 60 bis 70 Prozent aller behandelten Patienten erweist sich die Methode als wirksam.

Wie steht es mit Nebenwirkungen und Risiken?

Ein extrem seltenes Risiko ist ein epileptischer Anfall. Entsprechende Risiken lassen sich aber mit Vorsorgeuntersuchungen praktisch ausschliessen. Hin und wieder kommt es unter der Stimulation zu Kopfschmerzen. Sie lassen sich aber gut behandeln. Relativ häufig, aber unproblematisch sind Missempfindungen am Ort der Applikation.

Was übernehmen die Krankenkassen an den Kosten?

In der Schweiz leider vorerst nichts, manchmal auf freiwilliger Basis nach Gesuch um Kostenübernahme. Ich hoffe, das ändert sich rasch. Denn die neue Therapie ist sehr kosteneffizient.

Welche Entwicklungen bringt die Zukunft?

Zurzeit versucht man, mit höheren Dosen und kürzerer Behandlungsdauer die Therapie zeitlich weniger aufwendig und somit auch kostengünstiger zu machen. Auch andere, effektivere Stimulationsprotokolle werden entwickelt.

Ein Fallbeispiel

Jahrzehnte lang litt Urs Röthlisberger an schlimmen Kopf-, Glieder- und Gelenkschmerzen sowie Herzrasen. Die Befunde waren immer negativ. „Immer hiess es, das komme von der Psyche“, sagt der 59-jährige Mitarbeiter bei der Eidgenössischen Zollverwaltung EZV in Bern. „Klar, hat das auf das Gemüt geschlagen. Mir ging es oft so schlecht, dass ich nicht mehr voll arbeiten konnte.“

Dann kam endlich die befreiende Diagnose: Spätfolgen einer Borreliose. In diesem Stadium wirkten Antibiotika nichts mehr, jedoch wurde die Borreliose gestoppt. Per Zufall gelangte Röthlisberger an Jens Sommer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Bern. Er schlug seinem Patienten eine Therapie mit der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation rTMS vor. Das Behandlungsresultat war schon nach wenigen Sitzungen erstaunlich. „Es ist kein Vergleich mehr zu früher“, sagt Röthlisberger. „Ich kann wieder normal denken und auch mal wieder lachen und werde nicht mehr als psychisch krank hingestellt. Kopfweh habe ich nur noch selten. Für mich ist die neue Situation eine riesige Erleichterung. Es ist ein anderes Lebensgefühl.“