Startseite » Themen » Sie gehen über Leichen

Sie gehen über Leichen

Männer im Alter und besonders in Machtpositionen sind stark suizidgefährdet. Gedanken zum Tod von Zurich-CEO Martin Senn.

Concept nostalgie

Man sei fassungslos, ja tief erschüttert, stand im Communiqué des Unternehmens. „Mit Martin verlieren wir nicht nur einen verdienstvollen ehemaligen CEO und wertvollen früheren Arbeitskollegen, sondern auch einen guten Freund“, hiess es in der Mitteilung in gewohnt salbungsvollen Stil weiter.

In diesen paar wenigen Zeilen schlägt so viel Ignoranz, ja geradezu Hohn entgegen, dass es einem schier die Sprache verschlägt. Martin Senn sägte man ein paar Monate zuvor nach Jahren der völligen Aufopferung für das Unternehmen gnadenlos ab und schlug alle Türen hinter ihm zu, und das nur wegen ein paar roten Zahlen, einer gescheiterten Übernahme und dem Druck der Aktionäre. Behandelt man so einen „guten Freund“?

Grosser Druck an der Spitze des Versicherungskonzerns

Martin Senn hatte sich heute vor einer Woche mit 59 Jahren das Leben genommen. Im Ferienhaus der Familie in Klosters. Schon sein Finanzchef Pierre Wauthier tötete sich selber. In einem Abschiedsbrief beklagte er sich über den grossen Druck an der Spitze des Versicherungskonzerns. Nun sah auch Senn nur noch diesen Ausweg, um sein Verliererimage loszuwerden, das ihn im erbarmungslosen Tanz um das goldene Kalb seit geraumer Zeit anhaftete.

Schon vor einem Jahr versuchte Zurich-Präsident Tom de Swaan Senn auf sein Ausscheiden vorzubereiten. Offenbar vergeblich. Die Absetzung traf Senn letzten Dezember unvorbereitet. Dennoch sei die Trennung „professionell“ verlaufen. Senn habe den Abgangsvertrag akzeptiert und kein Wort mehr darüber verloren, berichtet der Tages-Anzeiger.

Leben ohne gefüllte Terminkalender bereitete ihm Mühe

Doch im Inneren des feinfühligen Menschen, der es vom KV-Stift zum CEO eines grossen Konzerns gebracht hatte, brodelte es. Im WEF in Davos merkte er, dass er plötzlich nicht mehr dazugehört und kein gefragter Mann mehr ist. Die NZZ berichtete, die Neuorientierung falle ihm schwer. Senn veränderte sich mehr und mehr, zog sich zurück und konnte den erzwungenen Abgang nicht richtig verarbeiten. Senn machte keinen Hehl daraus, dass ihm ein Leben ohne gefüllte Terminkalender und ohne wichtige Verpflichtungen Mühe bereitet. Noch vor kurzem war er bereits um 6 Uhr im Büro und arbeitete bis abends um 10 Uhr durch. CEO der Zurich zu sein war sein Leben.

Was lernen wir daraus? Männer sind emotionale Analphabeten. Das zeigt sich hier wieder einmal ganz drastisch. Das gilt für Senn selber wie für seine ehemaligen Vorgesetzten und Mitarbeiter. Sie leiden still, abgeschnitten von ihrer inneren Gefühlswelt. Sie haben ein mechanistisches Verständnis von ihrem Körper und ihrer Seele. Männer identifizieren sich übermässig mit ihrem Beruf. Besonders jene in höheren Positionen. Sie setzen alles auf eine Karte und vernachlässigen alle anderen Bedürfnisse, inklusive die Familie. Sinn und Selbstwert von Männern werden fast ausschliesslich über Leistung und Nützlichkeit definiert.

Verliert ein solcher Mann seine Stellung, führt das unweigerlich zu einer schweren narzisstischen Krise und beschädigt seinen Selbstwert und sein Selbstbild unwiderruflich. Wenn die berufliche Reputation zum Mass aller Dinge wird und wenn sich jemand ganz an eine Firma verschreibt, wird er extrem verwundbar.

Reichtum ausserhalb des Geldes

Aufopferung für den Beruf und die totale Identifikation mit einem Unternehmen lohnen sich heute nicht mehr. Im Gegenteil, das kann tödlich sein. Liebe Männer, hört deshalb bitte auf mit den immer gleichen Heldeninszenierungen, die Ehefrauen zu Witwen und Kinder zu Halbwaisen machen. Bewahrt eine gesunde Distanz zu Eurer Arbeit und nehmt Euch selber nicht so verdammt wichtig. Es gibt ein lebenswertes Leben, auch wenn man nicht zum inneren Machtzirkel der Wirtschaft und nicht zur ersten Reihe in Davos gehört. Es gibt einen Reichtum ausserhalb des Geldes, nämlich Zeitreichtum. Und wenn Ihr, liebe Männer, das nicht begreift und innerlich kämpft, dann holt Euch wenigstens Hilfe und leidet nicht still vor Euch hin.

Und eine letzte Bitte an die Unternehmen: Wenn Ihr schon langjährige „verdienstvolle Mitarbeiter und gute Freunde“ mir nichts dir nichts in die Wüste jagt, dann hört wenigstens auf, heuchlerische Communiqués zu verbreiten und Betroffenheit zu spielen. Sagt wenigstens offen und ehrlich, dass Ihr über Leichen geht. Dann weiss das jeder, der bei Euch anheuert, schon im Voraus und kann sich und seine Familie rechtzeitig darauf vorbereiten.