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Sind Blutverdünner gefährlich?

Ein Bekannter erlitt zwei Lungenembolien. Ein Nachbar starb an einer Hirnblutung, und das trotz einem modernen Wirkstoff. PD Dr. Jan Steffel vom Universitären Herzzentrum Zürich antwortet einer verunsicherten Leserin.

Rote und weie Blutkrperchen in Arterie

Mit grossem Interesse lese ich jeweils Ihren Newsletter oder auch Ihre Zeitschrift. Ich habe den Artikel über Blutverdünnung gelesen, der mich verunsichert hat. Seit zwei Jahren nehme ich ein herkömmliches blutverdünnendes Medikament wegen Vorhofflimmern. Ich werde zeitlebens eine Blutverdünnung brauchen. Immer hört man, dass die Blutverdünner der neuen Generation besser wären. Das ist schon möglich, aber man hat noch keine Gegenmittel. Ein Bekannter erlitt unter einem neuen Blutverdünner zwei Mal eine Lungenembolie. Mein Nachbar, etwas über 80, hatte eine Hirnblutung, trotz einem neuen Wirkstoff. Nach kurzem Aufenthalt im Unispital wurde er in die Reha geschickt. Dort hatte er weitere Blutungen und ist daran gestorben. Mir ist nicht klar, wieso man diese neuen Medikamente überall so lobt, bevor die entsprechenden Gegenmittel vorhanden sind. Sobald dies der Fall ist, werde ich auch wechseln. Aber jetzt lebe ich noch sehr im Ungewissen. Was meinen Sie dazu?

PD Dr. Jan Steffel, Leitender Arzt am Universitären Herzzentrum Zürich

Das sagt PD Dr. Jan Steffel, Leitender Arzt am Universitären Herzzentrum Zürich:

„Das sind alles wichtige Fragen. Blutungen können unter jeder Form von Blutverdünnung auftreten; doch bei den Risiken, wie auch bei der Notwendigkeit eines Gegenmittels kommt es häufig zu Missverständnissen. Richtig ist folgendes: Für einen der neuen blutverdünnenden Wirkstoffe gibt es ein spezifisches, schnell und gut wirksames Gegenmittel. Für die anderen Wirkstoffe ist ein Gegenmittel in Entwicklung. Wir warten auf die Zulassung. Für die herkömmlichen blutverdünnenden Medikamente Marcoumar und Sintrom gibt es ebenfalls kein spezifisches, schnell wirksames Gegenmittel. Wenn man bei diesen ‚alten’ Substanzen die Wirkung aufheben will, muss man unspezifische Mittel einsetzen, das heisst in den meisten Fällen Gerinnungsfaktoren. In Studien konnte gezeigt werden, dass diese unspezifischen Mittel auch bei den neuen Wirkstoffen gleich gut, wenn nicht noch besser wirken. Das heisst, man kann bei einer schweren Blutung unter den neuen Blutverdünnern dieselben Massnahmen ergreifen wie unter den bisherigen Wirkstoffen. Noch wichtiger als die Verfügbarkeit eines Gegenmittels ist jedoch, dass es gar nicht erst zu einer schweren Blutung kommt. Hier schneiden die neuen Blutverdünner klar besser ab, weil das Risiko einer schweren, insbesondere tödlichen Blutung oder Hirnblutung deutlich geringer ist als unter den ‚alten’ Substanzen.“