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Sport fördert die Lernprozesse im Gehirn

Sie verordnet Sport, und sie macht selber Sport. Prof. Barbara Tettenborn, Chefärztin der Klinik für Neurologie des Kantonsspital St. Gallen, über die erstaunlichen Effekte von Sport auf das menschliche Gehirn.

OL neu

Multiple Sklerose und OL. Eine gute Idee?

Definitiv! Die Intensität muss natürlich an das Krankheitsgeschehen angepasst sein und das Terrain der körperlichen Einschränkung entsprechend ausgewählt werden. Toll an dieser Sportart ist, dass neben Ausdauer und intellektuellen Fähigkeiten auch Muskelkraft und Koordination trainiert werden. Alles Faktoren, die für Patienten mit Multipler Sklerose genauso wichtig sind wie für alle anderen auch.

«Bewegung mit Köpfchen» lautet das Motto. Weshalb?

Der Orientierungslauf ist besonders geeignet für die körperliche und geistige Fitness. Bei jedem Menschen nimmt die Muskelmasse ohne Training nach dem 30. Lebensjahr kontinuierlich ab. Nur mit körperlicher Betätigung kann dem entgegengewirkt werden. Durch Studien ist sehr gut belegt, dass besonders aerobes Training, also Ausdauertraining auf mittlerem Belastungsniveau, die geistigen Funktionen verbessert und dem Verlust von Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis entgegenwirkt. Das ist besonders wichtig, da es bei MS-Patienten neben körperlichen Symptomen wie Lähmungen und Gleichgewichtsstörungen auch zu einem Nachlassen der geistigen Fähigkeiten kommen kann. Das gilt aber auch für alle anderen Menschen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Untersuchungen im Tiermodell haben gezeigt, dass körperliche Aktivität das Nervenwachstum anregt und Lernprozesse fördert. Inzwischen gibt es verschiedene Hinweise, dass viel Bewegung auch die neuronale Plastizität, das heisst die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns unterstützt. Oder anders ausgedrückt: Training verbessert bei MS-Patienten die geistigen Funktionen und wirkt dem Verlust von Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis entgegen. Zurzeit wird sogar diskutiert, ob Sport einen positiven Einfluss auf das Immungeschehen bei MS hat und den Verlauf der Krankheit mildert.

Dass MS-Patienten in grossem Stil Sport treiben, war lange kaum vorstellbar. Weshalb dieses Umdenken?

Früher haben viele MS-Patienten auf Sport verzichtet, und auch die Ärzte haben oft von Sport abgeraten, aus Angst, dass es zu einer Verschlechterung der Symptome kommen könnte. Diese Angst ist unbegründet, im Gegenteil. Die aktuelle wissenschaftliche Studienlage zeigt, dass sich regelmässiges körperliches Training sehr positiv auf Muskelkraft, Belastbarkeit und Mobilität auswirkt. Darüber hinaus hat Sport positive Effekte auf die Lebensqualität und wirkt Depression und Müdigkeit entgegen, zwei häufigen Begleitsymptomen der MS.

Welche Rolle spielen dabei die neuen ­Therapien?

Die moderne medikamentöse Therapie ist die Basis der MS-Behandlung. Immer mehr in den Vordergrund rücken dabei innovative, sogenannt immunmodulierende Ansätze. Durch die Wahl eines geeigneten Medikamentes kann der Krankheitsverlauf deutlich positiv beeinflusst werden, sowohl bezüglich Schubrate als auch hinsichtlich der Krankheitsprogression. Oberstes Ziel der MS-Therapie ist Freiheit von jeglicher Krankheitsaktivität mit bestmöglicher Lebensqualität. Bei der Mehrzahl der Patienten ist eine medikamentöse Langzeitbehandlung erforderlich. Sie ermöglicht überhaupt erst regelmässige sportliche Aktivitäten.

Machen Sie selber auch Sport?

Ich trainiere so viel, wie es die berufliche Tätigkeit erlaubt. Die empfohlenen mindestens fünf Stunden Sport pro Woche versuche ich auf alle Fälle einzuhalten. Wenn immer möglich mache ich auch deutlich mehr. Neben Skifahren und Bergsport betreibe ich seit mehreren Jahren Triathlon, wobei ich von den drei Disziplinen Schwimmen, Velofahren und Laufen am liebsten zum Schwimmtraining gehe. Im Jahr 2014 konnte ich mit einem Sieg in meiner Altersklasse beim Ironman Zürich meinen Traum von einer Teilnahme beim legendären Ironman Hawaii realisieren.

 

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Prof. Barbara Tettenborn

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die meistens im frühen Erwachsenenalter beginnt. Es kommt zu einer fortschreitenden Zerstörung myelinisierter Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark durch körpereigene Immunzellen. Die genaue Ursache ist trotz intensiver Forschung nach wie vor nicht bekannt. Am ehesten kann eine genetische Disposition in Kombination mit Umweltfaktoren für die Fehlregulierung des Immunsystems verantwortlich gemacht werden.

Bei der überwiegenden Mehrheit zeigen sich die ersten Symptome im Alter von 20 bis 40 Jahren, wobei Frauen zwei- bis dreimal häufiger erkranken als Männer. Bei 90 Prozent der Betroffenen liegt anfangs eine schubförmige Verlaufsform vor, charakterisiert durch akute Schübe, nach denen sich die neurologischen Krankheitssymptome wie Sehstörungen, Lähmungserscheinungen, Störungen der Sensibilität oder des Gleichgewichts wieder weitgehend oder sogar vollständig zurückbilden. Nur zehn Prozent der Patienten haben von Beginn an einen progredienten Verlauf mit einer kontinuierlichen Zunahme von Krankheitssymptomen ohne eindeutige Schübe.

Verlauf unvorhersehbar und sehr individuell

MS verläuft unvorhersehbar und sehr individuell. Die Krankheit kann über die Jahre eine andere Form annehmen, das heisst ein anfänglich schubförmiger Verlauf kann in einen chronisch progredienten Verlauf übergehen. Eine Prognose bezüglich der Schwere des Verlaufs oder eventueller Beeinträchtigungen ist daher besonders zu Beginn der Erkrankung kaum möglich. Es gibt aber durchaus Verläufe mit sehr geringer Schubfrequenz und sehr wenigen neurologischen Ausfällen über Jahrzehnte hinweg. Durch die modernen Therapiemöglichkeiten hat sich die Prognose deutlich verbessert.

Weitere Informationen unter www.multiplesklerose.ch