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Sprünge aus einer andern Welt

Tierliebe, Akrobatik, Anmut. Eine Reportage über die mutigen Mädchen vom Voltige-Club Harlekin aus Bietenholz ZH.

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Mittwochabend in der Reithalle. Es ist halb sieben. Zwei Mädchen sind schon da, wärmen sich auf, benutzen die Cavalettis – das sind Hindernisse der Springreiter – zum Dehnen. Auf dem Boden wird ein Teppich ausgerollt. Handstände üben, Spagate machen. Alles ist still. Kein Wort. Kein Gelächter. Jetzt betritt «Lintas Ass» die Halle. Der Schimmel gehört zum Team der «Harlekins». Wie auch Trainerin Simone Jäiser. Sie ist aktuelle Weltcup­gesamtsiegerin und zeigt nochmals, wie man das Pferd zäumt. An einer langen Leine, der Longe, dreht es seine Runden. Auch «Lintas Ass» muss sich aufwärmen.

Und was genau tun sie jetzt? Voltigieren? Davon hatte ich noch nie etwas gehört. Kommt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie «über das Pferd springen», werde ich aufgeklärt. Aha, und jetzt? Ist das ein Sport? Oh ja, zwar eine Randsportart, doch der Club hat Wartelisten. Die Wurzeln des Voltigierens reichen nach Frankreich, wo die Reiter schon vor vielen Hundert Jahren das schnelle Auf- und Absitzen übten. Erst in der Renaissance avancierte die Technik zum veritablen Sport. Heute werden beim Voltigieren turnerische und akrobatische Übungen auf dem Pferd ausgeführt. Das Pferd bewegt sich im Kreis, geführt an der Longe. Es gibt Übungen im Schritt und/oder im Galopp, und zwar allein, zu zweit – als Pas de deux – oder maximal zu dritt gleichzeitig auf dem Pferd. Ich bin gespannt.

Hoch konzentriert, immer im Gleichgewicht

Immer mehr Mädchen beginnen mit Dehnübungen. Das Pferd läuft derweil seine Runden, schnauft. Eine Gruppe übt die korrekte Begrüssung der Kampfrichter, die Mädchen stehen in Reih und Glied. Alles läuft wie am Schnürchen. Ruhe bitte! Das Pferd ist empfindlich, darf sich nicht erschrecken. Alina entfernt sich wortlos von ihrem Team und beginnt neben dem galoppierenden Schimmel zu laufen. Ein Satz und oben ist sie. Aufgang heisst dieses erste Element des Pflichtprogramms. Es folgen Grundsitz, Fahne, Mühle und Schere. Um dann mitten in der Übung auf dem Pferderücken aufzustehen. Hoch konzentriert, immer im Gleichgewicht. Anmutig, sicher. Nach ein paar Runden schwingt sie sich über den Handstand seitlich weg und landet auf dem Boden. Abflanken nennt sich dieses letzte Element. Gut gemacht!

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Zur Kür setzt Musik ein. Poppig, hip, modern. Was jetzt folgt, übertrifft meine Erwartungen. Bis zu drei Mädchen springen im Takt nacheinander auf das Pferd, teilen sich den Ort, wo sonst ein Sattel ist, um gemeinsam stehend verschiedene Einlagen zu zeigen. Was für ein Zusammenspiel, was für eine Grazie. Das ist hohe Reitschule. Akrobatik gepaart mit totaler Körperbeherrschung, mit Anmut und Ausstrahlung. Vollkommene Harmonie zwischen Pferd und Voltigierern. Vier Minuten dauert eine Kür, die am Turnier von den Kampfrichtern mit 1 bis 10 benotet wird. Von mir bekommen die Mädchen schon jetzt Höchstnoten; ich bin beeindruckt von dieser Sportart, die kaum jemand kennt.

Die Mädchen geben alles

Je mehr ich erfrage, desto mehr wird mir klar: Fürs Voltigieren geben die Mädchen alles – und stecken auch einiges ein. Der schöne Sport und die Akrobatik haben einen kleinen Preis, mit dem die «Harlekins» aber umzugehen wissen. Den Fuss übertreten? Hat jede schon. Den Arm verstaucht? Ebenfalls. Etwas gebrochen? Léonie, 11: «Bereits zwei Mal. Im Training stürzte eine Kollegin auf mich. Mein Bein brach. Ein anderes Mal beendete ich meine Kür mit einem Flickflack und knickte ganz blöd um.» Auch Alina, 15, kann von einem Bruch berichten: «Einbeinig stand ich auf dem Rücken des Pferdes, als es aus dem Takt geriet. Ich verlor das Gleichgewicht, versuchte noch im Fallen die rechte Hand zur Hilfe zu nehmen. Beim Aufprall brach mein Unterarm. Dumm gelaufen.»

Körper­beherrschung, Disziplin, Kraft und ­innere Ruhe

Typische Verletzungen sind das jedoch nicht. Meist werden Bänder gezerrt, Sehnen überdehnt und Muskeln gequetscht. «Die Mädchen wissen, was passieren kann», sagt Brigitte Wegmann. Sie ist Medizinfrau beim Voltige-Club Harlekin und gleichzeitig die Mutter von Alina, die mit ihren fünf Kameradinnen, der Trainerin und «Lintas Ass» ein eingeschworenes Team bildet. Voltigieren, auch ein Rambo-Sport? Brigitte Wegmann: «Ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Es braucht Körperbeherrschung, Disziplin, Kraft und innere Ruhe. Und die Liebe zum Arbeitsgerät, dem Pferd. Ohne das Pferd geht gar nichts.»

Risiko lauert im Abgang

«Heftige Stürze kommen selten vor und sind auch nicht das eigentliche Problem», sagt Brigitte Wegmann. Selbst dann nicht, wenn drei Mädchen gemeinsam auf dem Pferderücken turnen. «Das grosse Risiko lauert im Abgang. Ab und zu verdrehen sie einen Fuss, knicken seitlich um, und schon ist es passiert. Darum trainieren wir, wie man solche Fehltritte vermeidet. Die Mädchen müssen die Bewegungen zu Ende denken und immer konzentriert sein. Wir lehren sie auch, richtig zu fallen, nämlich die Energie des Sturzes in eine Rollbewegung zu überführen. So kommen sie in den allermeisten Fällen mit ein paar blauen Flecken davon.»

Überdehnungen, Zerrungen, Verstauchungen und Prellungen müssen rasch behandelt werden. Brigitte Wegmann weiss, was am besten hilft: «Sofort mit Eisspray kühlen, um der Schwellung entgegenzuwirken. Dann den Körperteil hochlagern, damit er sich nicht zusätzlich mit Blut füllt. Und gleich eine nussgrosse Menge des braunen Wallwurz-Gels auftragen und sanft verteilen, bis es eingezogen ist. Über Nacht nochmals eine dicke Schicht auf die schmerzende Stelle geben, mit Gaze umwickeln und mit einer elastischen Binde fixieren. Das ist unser Geheimrezept. Alle ‹Zutaten› habe ich in meiner ‹Bobo-Box›, unserem Medizinkoffer.» Beruflich ist Brigitte Wegmann als Pharma­assistentin in einer Apotheke tätig, hat jahrelange Erfahrung in der Behandlung von kleinen und grösseren Verletzungen. «Wir haben gemerkt, dass viele stumpfe Verletzungen damit schneller abheilen. Und Zeit ist im Sport ja immer ein wichtiger Faktor, denn das nächste Turnier wartet schon. Die Mädchen wissen das, und wenn ihnen ein Malheur passiert, kommt Wallwurz mehrmals täglich auf die verletzte Stelle. Meine Tochter Alina hat sogar eine Tube auf ihrem Nachttisch stehen. Zur Prophylaxe, damit ihre Muskeln und der ganze Bewegungsapparat nach Trainings und Turnieren gut regenerieren.»

Sogar die Vierbeiner werden mit Wallwurz behandelt, denn die Gesundheit der Pferde ist für die «Harlekins» etwas vom Wichtigsten. Brigitte Wegmann: «Wenn Gelenke und Sehnen an den Pferdebeinen stark belastet wurden und deshalb geschwollen sind, kommt sofort Wallwurz drauf. Ob akut oder chronisch, das Gel wirkt auch hier Wunder. Besonders, weil man es so richtig dick auftragen und über Nacht einwirken lassen kann.»

Bis zu diesem Abend war Voltigieren für mich ein Fremdwort. Jetzt haben die «Harlekin»-Mädchen aus Bietenholz einen Fan mehr. Beim nächsten Turnier drücke ich ihnen beide Daumen.