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Wege aus Angst und Traurigkeit

Wenn die Diagnose Alzheimer in das Leben eines Menschen und seiner Angehörigen einbricht, braucht es eine umfassende Betreuung. Ein neuer Ansatz ist die Psychotherapie.

Erinnerung an damals

Nehmen wir ein typisches Beispiel. Herr Meier merkt seit zwei Jahren, dass sein Gedächtnis stark abnimmt. Ihn belastet besonders, dass es ihm immer schwerer fällt, Bücher zu lesen. Auch Gespräche sind mühevoller geworden, weil er manchmal um Worte ringt. Deshalb trifft er sich nur noch selten mit Bekannten. Seine Frau ärgert sich, wenn er Abmachungen nicht einhält und beim Einkaufen die Hälfte vergisst.

Die Diagnose Alzheimer war für beide nicht nur belastend, sondern auch eine grosse Erleichterung, weil sie jetzt endlich die Ursache für die Beschwerden kannten. Doch das Aufatmen war nur von kurzer Dauer. Schon bald folgte ein Wechselbad der Gefühle: Angst vor der Zukunft, Traurigkeit und Schmerz über Verluste, Reizbarkeit und Konflikte in der Partnerschaft und so weiter. Zwar nimmt Herr Meier ein Medikament, das den Gedächtnisabbau verlangsamen soll. Trotzdem schwanken seine Gefühle zwischen Nicht-wahrhaben-Wollen und Trauer, Lustlosigkeit und Angst. Frau Meier leidet unter der Situation, dass sie immer mehr Aufgaben übernehmen muss, die vorher ihr Mann erledigte, und stark sein muss, obwohl sie sich grosse Sorgen macht.

Nicht jeder leidet gleich stark unter dieser Diagnose

«Eine beginnende Alzheimer-Demenz, ob sie nun diagnostiziert wurde oder nicht, verändert das Leben von Betroffenen und Angehörigen», erklärt Dr. Simon Forstmeier vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. Nicht jeder leidet gleich stark unter dieser Diagnose, denn die Lebensqualität kann unter Umständen lange bewahrt werden. Die familiären Beziehungen werden enger, man schätzt die gemeinsame Zeit und erlebt scheinbar Alltägliches besonders bewusst.

Dennoch haben Studien gezeigt, dass die meisten Patienten mit beginnender Alzheimer-Demenz neben den Gedächtnisproblemen unter schweren Beeinträchtigungen der Stimmung wie Depressivität, Angst und Reizbarkeit sowie der Initiative – Antriebslosigkeit, Interesseverlust, Lustlosigkeit – und des Verhalten – Umherwandern, Schlafstörung, verändertes Essverhalten – leiden. Auch die Angehörigen haben oft mit Angst, depressiver Stimmung und Ärger zu tun.

Eine Demenz ist nicht heilbar. Es gibt aber eine Reihe von Behandlungsmöglichkeiten, die darauf abzielen, das Voranschreiten der Demenz zu beeinflussen. Die Standardbehandlung besteht aus einer Kombination aus Sozialberatung, medikamentöser Therapie, Gedächtnistraining und Selbsthilfegruppen. «Es hat sich allerdings gezeigt, dass die Beeinträchtigungen von Stimmung, Initiative und Verhalten oft nicht ausreichend genug in der Behandlung berücksichtigt werden», sagt Dr. Forstmeier. «Dabei gibt es sehr gut erprobte Unterstützungsmöglichkeiten, sowohl für die Person mit Demenz als auch für die Angehörigen.»

Im Hier und Jetzt leben

Dazu gehören regelmässige Aktivitäten, welche der Patient als angenehm erlebt. Wenn Dinge wiederentdeckt werden, welche die Betroffenen trotz Gedächtnisproblemen machen können, beeinflusst das die Stimmung ausserordentlich. Sehr hilfreich ist auch, immer wieder auf das Leben mit seinen Höhen und Tiefen zurückzublicken. Es beruhigt, wenn jemand realisiert, dass doch noch viele Erinnerungen vorhanden sind. So entdeckt man auch häufig Möglichkeiten und Wege, um die aktuellen Schwierigkeiten besser zu meistern. Dr. Forstmeier: «Ebenfalls sehr gut erprobt sind Strategien, die der Angehörige lernt, um die eigenen Gefühle zu regulieren, das Hier und Jetzt zu leben, ohne sorgenvoll in die Zukunft zu blicken. Schliesslich profitieren gerade Paare sehr von einer Paarberatung, wenn ihr Umgang miteinander und ihre Gesprächskultur reflektiert wird und hilfreiche Strategien für die veränderten Rollen in der Partnerschaft erlernt werden.»

Kognitive Verhaltenstherapie

In Zürich wird ein umfassendes psychotherapeutisches Behandlungsprogramm angeboten, das die verschiedenen Strategien kombiniert und zusätzlich zur Standardbehandlung eingesetzt wird. Das Behandlungsprogramm wird gemeinsam vom Psychologischen Institut der Universität Zürich und der Klinik für Alterspsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich durchgeführt. Die Form dieser Psychotherapie wird als kognitive Verhaltenstherapie bezeichnet und besteht aus ungefähr 25 Sitzungen. Sowohl der Patient mit beginnender Demenz als auch ein naher Angehöriger – meist der Partner – nehmen an den Sitzungen teil. Das Ziel ist, die Stimmung, Initiative und die Verhaltensprobleme der Patienten zu verändern und die Bewältigungsmöglichkeiten des Angehörigen zu stärken. Das neue Angebot wird von einer durch den Schweizerischen Nationalfonds geförderten Studie begleitet und ist kostenlos. Teilnehmen können Personen, die entweder die Diagnose einer beginnenden Alzheimer-Demenz oder aber Symptome einer Gedächtnisstörung haben, aber noch nicht untersucht wurden.

Mehr Infos:

www.psychologie.uzh.ch/alzheimer, alzheimer@psychologie.uzh.ch

Psychotherapie bei Demenz

Wann brauchen Sie Hilfe?

  • Wenn Sie mehrmals pro Woche niedergeschlagen, traurig oder depressiv sind.
  • Wenn Sie Ihren Antrieb und die Lust, Dinge zu tun, häufig nicht mehr spüren.
  • Wenn Sie den Eindruck haben, immer einsamer zu werden.
  • Wenn Sie Angst vor der Zukunft haben.
  • Wenn Sie reizbarer als früher sind und häufiger Gefühle wie Ärger und Wut erleben.
  • Wenn Sie nur noch schlecht schlafen können.
  • Wenn Sie vermehrt Konflikte mit Ihnen wichtigen Menschen haben.
  • Wenn sich Ihre Angehörigen durch die Veränderungen belastet fühlen.