Das Folsäure Fiasko

Folsäure

Nach einer grossen Studie herrscht totale Ernüchterung. Entgegen aller Präventionsbemühungen geht in Europa die Zahl der Neuralrohrdefefekte wie der Spina bifida seit 20 Jahren in keiner Weise zurück, und das trotz umfangreicher Empfehlungen, Aufklärungen und Möglichkeiten einer freiwilligen Folsäure-Substituierung. Immer noch wird in Europa bei rund 5000 Föten ein Neuralrohrdefekt festgestellt. Die meisten dieser Schwangerschaften werden abgebrochen.

In Europa und auch in der Schweiz werden bestimmte Lebensmittel von den Herstellern nur auf freiwilliger Basis mit Folsäure angereichert. Für Frauen mit Kinderwunsch gibt es die Empfehlung einer Folsäure-Supplementierung. Doch offenbar folgen nur wenige Frauen diesen Ratschlägen, und die Zufuhr durch Nahrungsmittel ist zu gering.

Eine Studie von Forschern aus Paris bestätigt nun, dass die derzeitigen Empfehlungen keinen greifbaren Nutzen haben. Die Autoren haben die Häufigkeit von Neuralrohrdefekten bei 12.5 Millionen Geburten in 19 europäischen Ländern analysiert. Ausgewertet wurden die Daten eines offiziellen Registers aus den Jahren 1991 bis 2011. Es gab nur leichte Schwankungen, aber kein offensichtlicher Trend der Fallzahlen nach unten. Fazit: In Europa ist es im Gegensatz zu anderen Ländern nicht gelungen, eine wirksame Präventionsstrategie für Neuralrohrdefekte zu etablieren. Die Wissenschaftler fordern deshalb eine obligatorische Anreicherung von Grundnahrungsmitteln wie Mehl.

Die Wirksamkeit von Folsäure ist unumstritten

In den USA und zahlreichen anderen Ländern weltweit werden Lebensmittel wie Frühstücksflocken, Brot, Reis und Nudeln systematisch mit Folsäure angereichert. Denn die Wirksamkeit von Folsäure zur Prävention von Fehlbildungen des Neuralrohrs ist unumstritten. Die Anreicherung von Getreideprodukten mit Folsäure verhindert in den USA jährlich 1’300 Neuralrohrdefekte. In Europa liegt die Versorgung mit Folsäure im Mittel weit unter den empfohlenen Werten. Bereits 1989 wurde belegt, dass Frauen, die vor der Empfängnis und im ersten Schwangerschaftsdrittel Folsäure einnehmen, das Risiko für Neuralrohrdefekte bei ihren Neu- bzw. Ungeborenen um bis zu 72 Prozent senken konnten.

Folsäure Maria WalliserDie Schweiz ist in dieser Hinsicht ein Entwicklungsland

In der Schweiz gibt es nicht einmal verlässliche Zahlen, geschweige denn ein offizielles Register, lediglich Vermutungen, wie Erich P. Meyer, Initiator und Geschäftsführer der Stiftung Folsäure Offensive Schweiz, ausführt. Man schätzt, dass es in unserem Land zwischen 60 bis 80 Fälle pro Jahr gibt. Davon kommen jedes Jahr etwa 20 Kinder mit Spina bifida und anderen schweren Neuralrohrmissbildungen auf die Welt. Obwohl die Beweislage erdrückend ist, seien wir von einer obligatorischen Anreicherung von Grundnahrungsmitteln wie Mehl mit Folsäure weit entfernt. „Die Stiftung Folsäure Offensive Schweiz mit ihrer Präsidentin Maria Walliser kämpft seit 15 Jahren für die obligatorische Anreicherung“, sagt Meyer. „Doch wie vieles in der Schweiz scheitert diese am politischen Widerstand. Gerade dort, wo wir am meisten Unterstützung erwarten würden, nämlich im Bäckereigewerbe, ist das Unverständnis am grössten.“

Bald 90 Länder kennen mittlerweile die systematische Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Folsäure, darunter viele afrikanische Staaten. Nur die Schweiz ist diesbezüglich immer noch Entwicklungsland, und dies, obwohl praktisch keine negativen Folgen einer Folsäure-Prophylaxe in Mehl- und anderen Getreideprodukten bekannt sind.

Interview mit Erich P. Meyer, Geschäftsführer der Stiftung Folsäure Offensive Schweiz

Was macht die Folsäure unter den Vitaminen so einzigartig?

Folsäure Experte kleinDas Bundesamt für Gesundheit erlaubt die Aussage „Folsäure – Lebensvitamin“. Jeder Mensch braucht während des gesamten Lebens Folsäure. Tag für Tag. Und eine Frau, in deren Köper während neun Monaten ein Baby heranwächst, braucht die doppelte Portion. Bereits drei Monate vor Beginn der Schwangerschaft!

Wie muss man sich eine Spina bifida und andere Neuralrohrmissbildungen vorstellen?


Eine Spina erschwert das tägliche Leben in grossem Masse, da diese mit einer lebenslangen Lähmung der unteren Körperhälfte verbunden ist.

Wie eindeutig ist der Effekt einer ausreichenden Versorgung mit Folsäure auf die Häufigkeit von Neuralrohr – Missbildungen ?


Die Erfahrung der Länder, in denen Folsäure dem Brotmehl oder Reis- und Maismehl obligatorisch beigefügt werden, sind klar: Reduktion der Spina bifida im Durschnitt um 47 Prozent und Verhinderung von zehntausenden von tödlichen Schlaganfällen.

Wie das?

Diesen lange vermuteten Zusammenhang hat nun eine grosse Studie erstmals bestätigt. Die Einnahme von 800 Mikrogramm Folsäure pro Tag reduziert das Schlaganfallrisiko massiv. Diese Ergebnisse haben weitreichende Folgen für die Hirnschlag-Prävention.

Wie können Sie sich erklären, dass wir in einem modernen Land wie der Schweiz es nicht fertig bringen, etwas so Sinnvolles wie die systematische Folsäure-Anreicherung einzuführen ?

In unserer Gesellschaft liegt der Schwerpunkt auf dem ICH und nicht mehr auf dem WIR. Diese egoistische Grundeinstellung, verbunden mit engen Scheuklappen und der Verteidigung überholter Strukturen, verdecken Vielen die Sicht auf das, was einer Gesellschaft gut tut.

Was können Sie als Stiftung noch tun ?


Wir können und müssen unsere Botschaft über weitere Kanäle fliessen lassen und sind dabei, unsere Strategie zu überarbeiten.

www.folsaeure.ch