Der Leidensdruck durch Psoriasis wurde lange unterschätzt

Scham, Stigmatisierung, schwere Begleiterkrankungen. Prof. Stephan Lautenschlager zeigt auf, was die entzündliche Hauterkrankung für Zehntausende von Betroffenen bedeutet und weshalb es sich lohnt, zum Dermatologen zu gehen.

Psoriasis
Prof. Dr. med Stephan Lautenschlager, Chefarzt am Dermatologischen Ambulatorium des Stadtspitals Triemli Zürich

Wie viele wirklich schwer betroffene Menschen mit Psoriasis gibt es in der Schweiz?

In Europa sowie den USA gehen wir von rund zwei Prozent Psoriasis-Patienten in der Bevölkerung aus. Dieser Anteil variiert abhängig von der geografischen Region und der ethnischen Zugehörigkeit. Beispielsweise sind Asiaten, Afrikaner und Südamerikaner viel seltener betroffen, bei Indianern und Eskimos fehlt die Psoriasis nahezu vollständig.

Auf die Bevölkerung der Schweiz bezogen ergibt sich so eine Zahl von circa 170 000 Psoriasis-Patienten, wovon knapp ein Drittel, also rund 50 000 an einer mittelschweren bis schweren Beteiligung der Haut leiden. Bei etwa 20 Prozent, also bei circa 30 000 sind die Gelenke betroffen, was sich vor allem an den kleinen Gelenken der Finger und Zehen, jedoch auch an den grossen Gelenken wie beispielsweise dem Knie oder sogar am Achsenskelett mit Beteiligung der Wirbelsäule manifestieren kann. Interessanterweise haben Patienten mit Nagelpsoriasis viel häufiger auch eine Gelenkbeteiligung.

Wie wirkt sich diese Hautkrankheit auf das Leben aus, im Alltag, im Beruf, in der Partnerschaft?

Die Schuppenflechte – wie die Psoriasis im Volksmund heisst – ist gekennzeichnet durch gerötete Hautstellen mit ausgeprägter Abschuppung. Diese kann in leichten Fällen sehr lokalisiert sein, in mittelschweren bis schweren Fällen jedoch sehr ausgedehnt vorkommen. So entsteht oft eine grosse Menge an Schuppen, die sich vom Körper ablösen. Ein Patient hat mir auf die Frage, was ihn an seiner Krankheit am meisten stört, geantwortet, dass er überall Spuren hinterlässt. Diese Schuppen finden sich in Umkleidekabinen, im Bett, im Badezimmer respektive überall, wo sich die Betroffenen aufhalten. Durch die Rötungen sind die Ausschläge auch gut sichtbar, und häufig besteht eine Scham, sich anderen Menschen so zu präsentieren, gerade wenn auch die Kopfhaut stark betroffen ist. Nicht selten wird von der Umgebung fälschlicherweise eine mögliche Ansteckung befürchtet. Bei Gelenkbeteiligung können ­neben Schmerzen auch Bewegungseinschränkungen resultieren.

Eine Nagelbeteiligung, die sich mit bröckeligen Nägeln, Ablösen der Nägel und Verdickungen ähnlich wie eine Pilzinfektion manifestieren kann, hat auch Auswirkungen auf die Feinmotorik. Zusätzlich bestehen bei bestimmten Berufen – ich denke an eine Bijouterie-Verkäuferin, die ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte – erhebliche Einschränkungen auch durch das äussere Erscheinungsbild. Nicht zuletzt können sich die Hautbefunde auch auf die Sexualität auswirken, da nicht selten auch eine genitale Mitbeteiligung vorliegt. Der ausgeprägte Leidensdruck der Psoriasis-Patienten wurde während langer Zeit unterschätzt.

Was sind die Auslöser dieser Hauterkrankung?

Für die Ausbildung einer Psoriasis ist meist eine genetische Veranlagung notwendig, die sich oft über Generationen mit nachweisbaren familiären Häufungen zeigt. Daneben finden sich jedoch Umwelt- und Ernährungsfaktoren oder auslösende Infektionskrankheiten. Beispielsweise kann typischerweise eine Racheninfektion mit gewissen Bakterien schubauslösend wirken. Aus eineiigen Zwillingsstudien ist bekannt, dass etwa zwei Drittel gemeinsam betroffen sind. Ein Teil des Erkrankungsrisikos bei entsprechender genetischer Veranlagung wird somit durch Umweltfaktoren vermittelt. Neben Infektionen sind hier auch Stressfaktoren und gewisse Medikamente zu nennen.

Was richtet Psoriasis sonst noch im Körper an?

Psoriasis ist mit verschiedenen anderen Begleiterkrankungen verbunden. Dazu zählen Übergewicht, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit und Fettstoffwechselstörungen. Diese Begleiterkrankungen kommen in Abhängigkeit von Schwere und Dauer der Psoriasis häufiger vor und sind dafür verantwortlich, dass die Patienten mit einer schweren Psoriasis eine um etwa fünf Jahre kürzere Lebenserwartung haben. Gehäuft sind insbesondere Herzinfarkt und Hirnschlag. Öfter bestehen auch psychische Störungen bis zu Depressio­nen. Verantwortlich ist einerseits die Stigmatisierung durch sichtbare Veränderungen an der Haut und am Kopf, aber auch stark juckende Stellen – auch der erhöhte Zeitbedarf für die Hautpflege führt zu grossem Leidensdruck. Psoriasis-Patienten rauchen signifikant häufiger als Hautgesunde und trinken mehr Alkohol.

Wie gut ist Psoriasis heute behandelbar?

Die Therapie der Psoriasis hat in den letzten Jahren ausserordentliche Fortschritte gemacht. Während bei milden Formen immer noch antientzündliche Salben Mittel der Wahl sind, steht für schwerere Fälle eine grosse Palette an unterschiedlichen Behandlungsformen zur Verfügung. Sie reicht von Lichttherapie, meistens mit UVB-Strahlen – nicht Solarium –, über Behandlungen zur generellen Dämpfung des Immunsystems mit Tabletten bis zu den neueren, zielgerichteten Therapien, die meist mit Spritzen verabreicht werden und so direkt in die Entzündungsabläufe einwirken können, sogenannte Biologika. Die Therapie muss jedoch immer individuell abgestimmt werden und richtet sich vor allem nach dem Schweregrad, der vorherrschenden Psoriasis-Form, dem bestehenden Leidensdruck sowie den Begleit­erkrankungen.

Ziel muss heute eine weitgehende oder im Idealfall sogar vollständige Erscheinungsfreiheit sein. Vor allem bei mittelschweren bis schweren Formen ist eine Verminderung der Entzündung wichtig, da erste Studien zeigen konnten, dass damit auch das Risiko für Begleiterkrankungen wie Herzinfarkte gesenkt werden kann. Wichtig ist mir noch, dass bei einer Gelenkbeteiligung schnell eine Therapie gestartet wird, um bleibende Schäden an den Gelenken zu verhindern.

Viele Betroffene haben resigniert und sind das Salben leid. Was sagen Sie diesen Patienten, wenn sie zu Ihnen kommen?

Dass Patienten sich mit dem täglichen Einsalben schwertun, stösst bei mir auf grosses Verständnis. Selbstverständlich sind eine sorgfältige Hautpflege oder die Anwendung einer antientzündlichen Salbe von grosser Bedeutung. Jedoch täglich die Zeit für diese Prozedur aufzubringen und die fettige Haut mit allen Begleiterscheinungen wie Kleiderverunreinigung zu akzeptieren, ist nicht immer einfach. Für Resignation besteht aber kein Anlass, da das Spektrum der Therapiemöglichkeiten enorm breit geworden ist. Im Einzelfall lässt sich heute praktisch immer eine wirksame, massgeschneiderte Therapie finden.

Schwere Psoriasis am Oberkörper.

Psoriasis am behaarten Kopf, typischerweise am Haaransatz.

Psoriasis

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30.05.2019. Setzte ein Lesezeichen permalink.

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