Ein schmerzhafter Verlust an Lebensfreude

Jahrelang verschleppte Diagnose, fehlende Überweisung zum Spezialisten, unwirksame Behandlungen. Unsere Online-Umfrage enthüllt gravierende Versäumnisse im Umgang mit Rheumatoider Arthritis.

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Bild: AdobeStock, Urheber: unbekannt

Sie ist eine häufige Erkrankung in der Schweiz. Mehr als 80 000 Menschen sind betroffen. Die meisten sind in ihrem täglichen Leben stark eingeschränkt. Wir haben deshalb bei unseren Leserinnen und Lesern eine grosse Online-Umfrage gemacht. Fast 800 Personen haben den ausführlichen Fragenkatalog vollumfänglich beantwortet. Die Auswertung erlaubt entscheidende Empfehlungen für Diagnose und Behandlung der folgenschweren Erkrankung.

Das Immunsystem greift die Gelenkschleimhaut an

Auch wenn die genaue Ursache der Rheumatoiden Arthritis nicht restlos geklärt ist, so ist bekannt, dass es sich um eine Autoimmun-Reaktion handelt. Das körpereigene Immunsystem greift Gewebe wie beispielsweise die Gelenkschleimhaut an und baut im weiteren Verlauf sogar Gelenkstrukturen ab. Nicht selten reibt dann Knochen auf Knochen ohne Knorpel dazwischen, was heftige Schmerzen verursacht. Zu Beginn der Erkrankung sind vor allem die kleinen Gelenke an Fingern, Händen oder Füssen betroffen. Es kommt zu Gelenkschmerzen, Entzündungen und Schwellungen, in einigen Fällen auch zu Deformationen. Typisch für Rheumatoide Arthritis ist die Morgensteifigkeit der Gelenke, die sich erst durch Bewegung bessert.

Die Entzündung muss vollständig gestoppt werden

Die Diagnose bedarf einiger Erfahrung und wird durch ausführliche Befragung, körperliche Untersuchung, verschiedene Blutuntersuchungen und bildgebende Verfahren meist durch den Rheumatologen bestätigt. Bei der Mehrheit der Patienten in unserer Umfrage ist die Diagnose im Alter zwischen 50 und 70 Jahren gestellt worden. Leider kann die Erkrankung aber auch schon in wesentlich jüngerem Alter auftreten. Die Behandlung sollte dann schnell und effizient erfolgen, um irreversible Gelenkschäden zu vermeiden, die bereits zwei Jahre nach den ersten Symptomen eintreten. Bei mehr als der Hälfte der befragten Patienten nahmen die Schmerzen vom Zeitpunkt der ersten Symptome bis zur Diagnose stark bis sehr stark zu. Das ist sehr bedenklich. Denn die Entzündung als Folge der Autoimmun-Reaktion muss mit Medikamenten gehemmt oder idealerweise sogar vollständig gestoppt werden. Es gilt, keine Zeit zu verlieren.

Bestmögliche Lebensqualität nur bei früher Diagnose

Für die Therapie der Rheumatoiden Arthritis gilt das in der Medizin geläufige Motto «hit hard and early», um irreparable Schäden der Gelenkstrukturen zu vermeiden. Was zeigt der Blick in die Realität? Nur gerade die Hälfte der Patienten hat die Diagnose innerhalb von zwei Jahren nach Beginn der ersten Symptome erhalten. Und nur bescheidene 8 Prozent wussten über ihre Erkrankung innert vier Wochen Bescheid. Das wäre der Idealfall. Denn eine frühe Diagnose und Behandlung sind die Voraussetzungen für einen guten Verlauf der Erkrankung und eine bestmögliche Lebensqualität. Leider mussten 23 Prozent der Patienten mehr als sechs Jahre auf die richtige Diagnose warten. Eine Gelenkschädigung ist dann in vielen Fällen nicht mehr zu verhindern. Dazu kommt, dass nur bei 9 Prozent der Betroffenen die erste Behandlung beim Hausarzt – mehrheitlich mit oralen oder lokal wirksamen Schmerzmitteln – geholfen hat.

Versäumnisse bei der Zuweisung an den Spezialisten

Der Erfolg der Therapie ist abhängig vom Zusammenspiel aller beteiligten Fachpersonen, idealerweise unter der Federführung eines Rheumatologen. Nur für die Hälfte der befragten Personen mit Rheumatoider Arthritis war dieses Zusammenspiel gut. Und nur die Hälfte der Patienten war innerhalb von einem Jahr beim Spezialisten. Glücklich konnten sich jene 27 Prozent schätzen, die innerhalb von vier Wochen einem Spezialarzt zugewiesen wurden, was eigentlich die Regel sein sollte. Ungefähr ein Fünftel der Patienten musste länger als sechs Jahre auf die Untersuchung beim Spezialisten warten, wodurch wertvolle Zeit verstrich.

Bei Beschwerden muss man handeln

Die meisten Patienten gaben an, dass sie sich bei ihrem Hausarzt gut aufgehoben fühlen. Aussagen von Ärzten gegenüber ihren Patienten wie «das sei nichts oder eine Überweisung bringe nichts, weil man da nichts machen könne», tauchten in der Befragung dennoch auf. Zögerliches Handeln im Umgang mit der Rheumatoiden Arthritis ist falsch, ja fatal. Eine raschmöglichste Diagnose und eine effiziente, immunsupressive Behandlung sind absolute Voraussetzungen für den Therapierfolg. Sind Symptome vorhanden, muss gehandelt werden. Klingt selbstverständlich, ist es aber offenbar nicht. «Man muss lernen, mit Rheuma zu leben.» Solche Sprüche, von welcher Seite sie auch kommen, sollten nun wirklich der Vergangenheit angehören. Es geht um die Gesundheit Ihrer Gelenke. Um nichts weniger.

Verdächtige Symptome

Rheumatoide Arthritis: Welche Symptome sind verdächtig? Schwellungen und Schmerzen an einem oder mehreren Gelenken ohne wesentliche Rötung, die über sechs Wochen andauern oder über diesen Zeitraum kommen und gehen, gehören in ärztliche Abklärung. Wenn Gelenke stark geschwollen und gerötet sind, muss dies umgehend geschehen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 08.07.2021.

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