Ernährung hat einen geringen Einfluss auf das Cholesterin

Selbst wenn man sehr gesund isst, zur Senkung von erhöhten Cholesterin-Werten taugt das nur wenig. Prof. Dr. med. Thomas Lüscher über wirksame Behandlungsstrategien.

Prof. Luescher 003
Prof. Thomas F. Lüscher ist Director of Research, Education & Development am Royal Brompton & Harefield Hospital Trust und Imperial College in London sowie Leiter des Centers for Molecular Cardiology der Universität Zürich.

Cholesterin ist lebenswichtig für den Menschen. Die fettähnliche Substanz ist massgeblich am Aufbau der Zellmembran sowie an vielen Stoffwechselvorgängen des Gehirns beteiligt. Es ist eine Vorstufe für die Bildung von Vitamin D, eine Reihe von Hormonen wie Östrogen, Testosteron und Cortisol, das als Stresshormon für viele Körperfunktionen wichtig ist. Gleichzeitig ist Cholesterin Ausgangsstoff für die Produktion von Gallensäure zur Fettverdauung. Und trotzdem hat Cholesterin einen schlechten Ruf. Es soll verantwortlich sein für Fettstoffwechselstörungen und Arteriosklerose. Im Fokus steht das low-density Lipoprotein oder LDL, das Lipoprotein geringer Dichte, der wichtigste Risikofaktor für Gefässverkalkung. Es lagert sich an den Gefässwänden ab, verengt die Arterien und kann so einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen.

Lange Zeit war man der Ansicht, dass ein hohes high-density Lipoprotein oder HDL, Lipoprotein mit hoher Dichte, eine schützende Wirkung auf die Gefässe hat. Laut Prof. Thomas F. Lüscher haben neuere Studien gezeigt, dass die Schutzwirkung im Laufe des Lebens und besonders im Frühstadion der Arteriosklerose sowie bei Herz- und vorallem Nierenpatienten nachlässt. Ein guter Indikator für das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, ist der Wert des nonHDL-Cholesterins. Er zeigt an, ob ein Mensch gefährdet ist, eine Gefässverkalkung zu entwickeln.

Wie lässt sich das schädliche LDL senken? Mit der Ernährung ist das nicht so einfach. Denn rund 80 Prozent des Cholesterins produziert unser Körper selber in der Leber. Wieviel genau ist weitgehend genetisch bedingt. Der Rest kann mit der Ernährung gesteuert werden. Und da liegt das Augenmerk auf dem Fettgehalt der Ernährung, das heisst, gesättigte Fett- und Transfettsäuren tun unseren Gefässen nicht gut.

Am stärksten können erhöhte Blutfette mit Medikamenten wie den bekannten Statinen gesenkt werden. Bei manchen reicht das alleine aber nicht aus, um die Cholesterol-Werte genügend zu senken. Vor allem bei Personen mit genetisch erhöhten Blutfettwerten oder solchen, die bereits austherapiert sind. Das kann fatale Folgen haben. Laut Prof. Thomas F. Lüscher gibt es neue, effektive Medikamente, welche die Cholesterinwerte sehr stark zu senken vermögen.

 

Neue Wirkstoffe senken das Cholesterin auf bisher unerreichte Werte

Auf was muss man beim Cholesterin achten? Welchen Einfluss hat die Ernährung und wann braucht es Medikamente? Prof. Thomas F. Lüscher über die neusten Erkenntnisse.

Welche Cholesterin-Werte sind erstrebenswert?  

Prof. Lüscher: Ich achte vor allem auf das LDL-Cholesterin oder besser noch das nonHDL-Cholesterin, da diese beiden in erster Linie für die Gefässverkalkung verantwortlich sind. Daneben sollte man auch auf die Triglyceride schauen, vor allem bei Diabetikern. Das HDL-Cholesterin ist heute weit weniger wichtig, da alle Versuche, durch eine medikamentöse Erhöhung des HDL die Prognose von Herzpatienten zu verbessern, gescheitert sind.

Also ist das LDL noch immer der Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall?

Das LDL ist der wichtigste Risikofaktor für die Arteriosklerose. In allen Studien mit Statinen, die ausschliesslich das LDL und das nonHDL senken, konnte das Risiko von Herzinfarkt und Herztod um etwa einen Drittel gesenkt werden.

Kann das LDL überhaupt durch die Ernährung gesteuert werden?

Etwa 80 Prozent des Cholesterins stammen aus der Leber und nur rund 20 Prozent aus der Ernährung. Wieviel Cholesterin die Leber bildet, ist weitgehend genetisch bestimmt. In der Natur gibt es kein Tier, dass so hohe LDL-Spiegel hat wie wir Menschen. Die Arteriosklerose wurde bereits bei Mumien nachgewiesen, die vor Tausenden von Jahren gestorben sind. Arteriosklerose ist eine typische Erkrankung des Menschen. Entsprechend lässt sich mit fettarmer Diät – im Gegensatz zu den modernen Lipidsenkern – nur wenig erreichen. Eine solche Diät ist auch schwierig über Jahre aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz dazu lassen sich die Triglyceride besser diätisch beeinflussen

Eier stehen ja seit einiger Zeit nicht mehr unter Generalverdacht.

Dazu gibt es verschiedene Studien, die alle zeigen, dass Eier den Cholesterinspiegel kaum beeinflussen und insbesondere auch nicht das Risiko für Herzinfarkt oder Herztod erhöhen.

Wie entscheidend ist der Fettgehalt eines Nahrungsmittels?

Fett ist nicht gleich Fett – es gibt gesundes und ungesundes Fett. Ungesättigte Fettsäuren, die sich in Fisch, Oliven, Avocado und anderen Nahrungsmitteln finden, sind gesund. Gesättigte nicht. Die mediterrane Diät mit Fisch, Gemüse, Salat und alles mit Olivenöl angerichtet, ist die bisher einzige Diät, die überzeugend vor Herzinfarkt und Herztod schützt.

Wie können zu hohe Blutfettwerte wirkungsvoll gesenkt werden?

Das LDL lässt sich nur medikamentös wirkungsvoll senken. Zunächst mit Statinen, die die Bildung des Cholesterins in der Leber hemmen, dann etwas weniger stark mit einem Wirkstoff, der die Aufnahme des Cholesterins im Darm hemmt. Nun gibt es aber neue Medikamente wie die Bempedoinsäure, die ähnlich wirkt wie Statine, aber keine Muskelnebenwirkungen hat. Und zuletzt gibt es für Hochrisikopatienten die sogenannten PCSK9-Hemmer, die zweiwöchentlich in die Bauchhaut gespritzt werden. Sie senken das Cholesterin auf bisher unerreichte Werte. Zuletzt steht ein Medikament vor der Einführung, das in die Genregulation eingreift und nur zweimal jährlich gespritzt werden muss. Damit erreichen wir sehr tiefe Cholesterinwerte.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27.12.2021.

Kommentare sind geschlossen.