Im Homeoffice zum Alkoholiker – das sind die Warnsignale

Covid-19 fördert den Alkoholmissbrauch. Dr. Toni Berthel, Psychiater und Suchtexperte in Winterthur, sagt, auf welche Anzeichen Sie achten müssen.

Alkohol cut Bild AdobeStock Urheber Erika
Bild: AdobeStock, Urheber: Erika

Je länger Menschen im Lockdown waren, desto höher wurde ihr Alkoholkonsum. Fast jede dritte Person berichtet von Alkoholexzessen während der Pandemie. Als Alkoholexzess gilt ein Konsum von fünf oder mehr Getränken für Männer und vier und mehr für Frauen innerhalb von zwei Stunden. Komasäufer tranken während der Pandemie durchschnittlich vier Getränke pro Gelegenheit, und sie kamen auf bis zu sieben Drinks in zwei Stunden.

300’000 Menschen sind alkoholabhängig

In der Schweiz spricht man kaum über psychisches Befinden. Die meisten Menschen haben Angst vor negativen Reaktionen, wenn das Umfeld erfahren würde, dass es ihnen nicht gut geht. Lieber ziehen sie sich zurück und werden von Scham- und Schuldgefühlen geplagt, statt sich Unterstützung zu holen. 300’000 Personen sind in der Schweiz von Alkoholabhängigkeit betroffen. Gut 500’000 haben mindestens eine Person in der engeren Familie mit einem Alkoholproblem. Dazu kommen etwa 100‘000 Kinder aus alkoholbelasteten Familien.

Viele Genusstrinker stehen vor der Abhängigkeit

Alkohol wirkt direkt auf das zentrale Nervensystem und kann hochgradig abhängig machen. Die Grenze zwischen Genuss und Sucht ist schmal und ist rasch überschritten. Der echte Genuss­trinker, der nicht wegen der stimmungs- und verhaltensverändernden Wirkung des Alkohols trinkt, ist seltener als angenommen. Viele bezeichnen sich als Genusstrinker und stehen vor der Abhängigkeit. Typisch beim Übergang zur Abhängigkeit sind Bagatellisieren und Verheimlichen. Oder wenn man sich zu rechtfertigen beginnt.

Besonders anfällig machen Einschnitte im Leben

Der Alkohol als legale, gesellschaftlich akzeptierte, billige und überall erhältliche Droge bietet sich gerade an, um Ärger zu vergessen, Stress abzubauen, Langeweile zu überbrücken, überhaupt das Leben erträglicher zu machen. Das Gehirn speichert die wohltuende Wirkung und erinnert sich in vergleichbaren Situationen daran, sodass man mehr und mehr verlernt, Schwierigkeiten nüchtern zu bewältigen. Besonders anfällig ist man bei Einschnitten in der Lebensgeschichte, beim Einstieg in den Beruf, der Midlife-Crisis, bei der Pensionierung, aber auch bei Brüchen wie Arbeitslosigkeit, Scheidung, dem Auszug der Kinder oder beim Tod von Angehörigen, oder eben im Lockdown.

Wenn Sie sich Sorgen machen um eine nahestehende Person, dann wagen Sie den ersten Schritt und suchen Sie das Gespräch. Zeigen Sie, dass Sie helfen möchten. Vermeiden Sie jegliche Vorwürfe und Belehrungen.

Sichere Anzeichen für ein Alkoholproblem

  • Jemand ist nicht in der Lage zu kontrollieren, wie viel und wann er oder sie trinkt.
  • Sie oder er fühlt sich gezwungen, Alkohol zu konsumieren und empfindet unkontrollierbares Verlangen.
  • Es müssen immer grössere Mengen konsumiert werden, um die gleichen Wirkungen zu erzielen.
  • Die Person muss trinken, um sich normal oder gut zu fühlen.
  • Aufbewahren von Alkohol an versteckten Orten, wie zum Beispiel bei der Arbeit, im Auto oder im Haus.
  • Derjenige oder diejenige trinkt allein oder heimlich.
  • Die Person wird reizbar, wenn sie aus irgendeinem Grund nicht trinken kann.
  • Trotz negativer Folgen im persönlichen oder beruflichen Leben trinkt der oder die Betroffene weiter.
  • Lieber trinken als sich anderen Dingen zu widmen oder Zeit mit der Familie zu verbringen.
  • Die Person erinnert sich nicht daran, was sie gemacht hat, oder wo sie gewesen ist.
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 03.06.2021.

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