Neues Wundermittel? Jetzt kommt die Spritze zum Abnehmen!

Ist ein Antidiabetikum die langersehnte Abkürzung beim Abspecken? Es klingt zu schön, um wahr zu sein.

Spritze Abnehmen Waage

Einmal wöchentlich den Wirkstoff Semaglutid subkutan spritzen und dann stetig Gewicht verlieren, bis zu 20 Kilo und mehr. Das funktioniert auch bei übergewichtigen Nicht-Diabetikern. Mindestens zeigt das eine Studie, die im New England Journal of Medicine erschienen ist. An der doppelblinden Studie nahmen 1961 Erwachsene aus 16 Ländern mit starkem Übergewicht teil. Die Probanden wogen im Schnitt 105 Kilo. Sie spritzten sich 68 Wochen lang entweder einmal wöchentlich Semaglutid oder Placebo – zusätzlich zu Lebensstiländerungen.

Hoffnung auf den grossen Durchbruch

Im Mittel verloren die Teilnehmer der Verumgruppe 15 Prozent Gewicht gegenüber einem Minus von nur 2,4 Prozent unter Placebo. Im Schnitt waren das 15,3 Kilogramm und lediglich 2,6 Kilogramm mit dem Placebo. Unter Semaglutid schaffte es bis zum Ende der Studie über ein Drittel der Probanden, mehr als ein Fünftel ihres Ausgangsgewichts zu verlieren. Adipositas-Spezialisten reagieren begeistert und sprechen von einem Durchbruch. Mit keinem anderen Medikament sei ein derart massiver Gewichtsverlust denkbar. Zum ersten Mal könnten Menschen mit Medikamenten das erreichen, was nur durch eine Gewichtsverlustoperation möglich war. In der Studie verbesserten sich unter Semaglutid auch Taillenumfang, Blutfettwerte, Glucosewert und Blutdruck. Die Probanden berichteten zudem von einer deutlichen Verbesserung ihrer Lebensqualität.

Das Glück währt nicht lange

Das Präparat ist seit 2018 auf dem Markt und bislang als Zusatz zu einer Diät und körperlicher Bewegung zugelassen zur Behandlung von Patienten mit Typ-2-Diabetes. Es veranlasst die Bauchspeicheldrüse, Insulin freizusetzen. Zudem drosselt es die Magenentleerung und reduziert den Appetit. Eine Zulassungserweiterung für die Indikation Übergewicht hat der Hersteller Novo Nordisk bei der Europäischen Arzneimittelagentur sowie in England und den USA bereits beantragt.

Klingt das alles nicht zu gut, um wahr zu sein? Sind die Hoffnungen berechtigt, krankhaftes Übergewicht endlich wirksam behandeln zu können? Zweifel sind angebracht, denn schon jetzt zeichnen sich drei grosse Probleme ab. Das Glück für die Probanden währte nicht lange. Als sie am Ende der Studie das Medikament wieder absetzen mussten, nahmen viele wieder zu. Dauerhaft scheint Semaglutid nur zu helfen, wenn man es sein Leben lang spritzt oder täglich schluckt. Inzwischen gibt es den Wirkstoff auch in Pillenform. In Europa ist das Präparat allerdings noch nicht auf dem Markt.

Ein grosser Nachteil sind die hohen Kosten

Ein weiterer Punkt sind die Nebenwirkungen. Häufig kommt es in den ersten Wochen zu Übelkeit und Erbrechen. Andere bekommen Durchfall. Meistens verschwinden die Beschwerden nach einigen Tagen. Doch in etlichen Fällen bleiben die unerwünschten Wirkungen bestehen und die Patienten brechen die Behandlung ab. In der Studie war das immerhin bei fast 5 Prozent der Teilnehmer der Fall.

Ein entscheidender Nachteil sind zudem die hohen Kosten. Pro Jahr belaufen sie sich auf mehrere Tausend Franken. Ob die Krankenkassen die Kosten einfach so übernehmen, ist höchst unwahrscheinlich. Die Hürden für eine Vergütung werden sehr hoch und ein breiter Einsatz des neuen Medikamentes illusorisch sein. Da bleibende Lebensstiländerungen ohnehin zwingend nötig sind, fragt sich, ob es die neue Spritze oder die neue Pille wirklich braucht und es nicht besser ist, von allem Anfang an voll auf den Zwei-Mahlzeiten-Rhythmus zu setzen, die mit Abstand beste Methode für eine bleibende, natürliche Gewichtsreduktion.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19.02.2021.

Kommentare sind geschlossen.